Über 12 Millionen Dollar, mehr als 30.000 Backer, eine der erfolgreichsten TCG-Kampagnen aller Zeiten. Die Zahlen zum Cyberpunk Trading Card Game von WeirdCo sind beeindruckend. Aber was bedeuten sie konkret für Spieler in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die gerade überlegen, ob sie noch einsteigen sollen? Dieser Artikel rechnet nach, sortiert ein und sagt, wo es hakt.
Der wahre Preis: Dollar, Mehrwertsteuer, Versand
Die Pledge-Preise auf Kickstarter stehen in US-Dollar. Das klingt erstmal übersichtlich, aber für DACH-Backer kommen gleich mehrere Kostenfaktoren obendrauf, die man auf der Kampagnenseite so nicht sieht.
Nehmen wir den beliebtesten Tier als Beispiel: Das Netrunner Starter Kit kostet 349 Dollar. Beim aktuellen Wechselkurs (ca. 0,92 €/$) sind das rund 321 Euro. Dazu kommt die Mehrwertsteuer, die WeirdCo über den Pledge Manager separat abrechnet. Für Deutschland sind das 19 Prozent, für Österreich 20 Prozent. Unser Netrunner-Kit landet damit bei etwa 382 Euro für deutsche Backer. Versandkosten nach Europa sind noch nicht final kommuniziert, erfahrungsgemäß sollte man bei einem Paket dieser Größe nochmal 25 bis 40 Euro einplanen.
Wer also mit 349 Dollar rechnet, liegt am Ende vermutlich eher bei 410 bis 420 Euro. Bei den höheren Tiers wird die Differenz entsprechend größer. Padre’s Blessing? Nicht 999 Dollar, sondern realistisch um die 1.200 Euro. Das Night City Legend Tier für 7.999 Dollar dürfte mit allem drum und dran jenseits der 9.000 Euro landen.
Immerhin bietet WeirdCo eine Ratenzahlung in drei Monatsraten an. Wer den Netrunner-Tier wählt, zahlt also grob 140 Euro pro Monat — ohne die VAT-Nachzahlung, die erst im Pledge Manager fällig wird.
Alles auf Englisch: Problem oder Nebensache?
WeirdCo hat klargestellt, dass eine deutsche Lokalisierung nicht geplant ist. Französisch steht als erste zusätzliche Sprache auf der Liste, weitere Sprachen sind als „TBD“ markiert. Für ein TCG, bei dem Kartentext spielrelevant ist, keine triviale Entscheidung.
Allerdings muss man ehrlich sein: Die deutschsprachige TCG-Szene spielt seit Jahrzehnten überwiegend auf Englisch. Magic: The Gathering gibt es zwar auf Deutsch, aber gerade im kompetitiven Bereich greifen die meisten zu englischen Karten. Ähnlich sieht es bei One Piece, Flesh and Blood oder Star Wars Unlimited aus. Wer bereits TCG-Erfahrung hat, wird mit englischen Karten kaum Schwierigkeiten haben.
Für komplette Neueinsteiger, die WeirdCo über die Cyberpunk-Marke abholen will, sieht das anders aus. Wer bisher nur Videospiele auf Deutsch gespielt hat und jetzt zum ersten Mal ein physisches Kartenspiel ausprobieren möchte, steht vor einer zusätzlichen Hürde. Ob das ein Dealbreaker ist, hängt letztlich von den eigenen Englischkenntnissen ab. Ein Hindernis für die Breitenwirkung in der DACH-Region ist es aber definitiv.
Flipper und falsche Hoffnungen
In den Discord-Kanälen taucht eine Frage immer wieder auf: Lohnt sich der Pledge als Investment? Kann man die Karten später mit Gewinn weiterverkaufen? Die kurze Antwort: Man sollte nicht darauf wetten.
WeirdCo selbst hat sich klar positioniert. Im Blog-Beitrag „Built for Players“ schreibt das Studio: „We refuse to let that happen in Cyberpunk TCG; our goal is to make the game as accessible as possible“ (sinngemäß übersetzt: „Wir werden nicht zulassen, dass das beim Cyberpunk TCG passiert; unser Ziel ist es, das Spiel so zugänglich wie möglich zu machen“). Konkret setzt WeirdCo auf ein Single-Distributor-Modell pro Region und garantierte Allokationen für verifizierte lokale Spieleläden.
Dazu kommt ein Detail, das viele übersehen: WeirdCo nutzt die Kickstarter-Kampagne explizit als Demand-Daten-Tool, um die richtige Menge an Karten für den Retail-Release zu drucken. Wer also hofft, dass die Kickstarter-Karten durch künstliche Knappheit im Wert steigen, könnte enttäuscht werden. Das ist grundsätzlich gut für Spieler, schlecht für Spekulanten.
Ein Restrisiko bleibt natürlich: Exklusive Beta-Box-Karten und serialisierte Metal Cards aus den hohen Tiers könnten durchaus Sammlerwert entwickeln. Aber wer 8.000 Dollar für das Night City Legend Tier ausgibt und auf Profit hofft, betreibt Glücksspiel, keine Geldanlage.
Die Spieler-Frage: Wer sitzt am Tisch?
Ein TCG lebt von der lokalen Szene. Und hier wird es für DACH-Backer schwierig, eine fundierte Einschätzung zu treffen. Offizielle Backer-Zahlen nach Region gibt es nicht. In der Discord-Community kursiert eine Schätzung von etwa 963 deutschen Backern, aber die ist nicht verifiziert und basiert auf Hochrechnungen aus der Community selbst.
Weltweit hat das Cyberpunk TCG über 60.000 Discord-Mitglieder. Wie viele davon im deutschsprachigen Raum sitzen und wie viele tatsächlich regelmäßig spielen werden, steht auf einem anderen Blatt. Die Erfahrung zeigt: Bei neuen TCGs fällt ein großer Teil der Kickstarter-Backer nach dem Unboxing-Hype ab. Wer langfristig spielen will, braucht eine lokale Spielgruppe, und die muss sich erst noch bilden.
Große Städte wie Berlin, München, Köln oder Wien dürften genug kritische Masse haben. Wer in einer kleineren Stadt wohnt, sollte vorher im Discord oder in lokalen Spieleläden nachfragen, ob es Interessenten gibt. Sonst stehen am Ende schöne Karten im Regal, aber kein Gegner am Tisch.
Organized Play: Europa ist noch ein weißer Fleck
WeirdCo-Mitarbeiter Elliot Cook hat vollmundig angekündigt: „Our Organized Play system is going to blow folks away“ (sinngemäß: „Das Organized-Play-System werde die Leute umhauen“). Klingt gut, sagt aber konkret nichts über europäische Pläne aus.
Stand heute gibt es keine Informationen zu Turnierstrukturen in Europa, keine angekündigten Partnerschaften mit europäischen Veranstaltern und keinen bekannten DACH-Distributor. Der Retailer-Sign-up-Deadline liegt auf dem 1. Mai 2026, und bisher ist für die DACH-Region kein Distributor öffentlich bestätigt. Das heißt nicht, dass nichts passiert. Aber wer seinen Pledge mit der Hoffnung auf baldige lokale Turniere begründet, baut auf Versprechen ohne Substanz.
Zum Vergleich: Flesh and Blood hatte bei seinem Europa-Start bereits Partnerschaften mit Asmodee und ein rudimentäres OP-Netzwerk. Star Wars Unlimited profitierte vom bestehenden FFG-Vertriebsnetz. WeirdCo startet als unabhängiges Studio ohne vergleichbare Infrastruktur in Europa. Das kann sich ändern, aber im Moment ist es ein offener Punkt.
Abwarten oder zuschlagen?
KS-Bestellungen sollen „einige Monate“ vor dem Retail-Release geliefert werden. Wer den Pledge sichert, hat das Produkt also früher in der Hand und bekommt die Beta Box als Kickstarter-Exklusiv obendrauf. Das ist der echte Vorteil gegenüber dem Retail-Kauf.
Auf der anderen Seite: Beim Retail-Kauf zahlt man in Euro, kennt den finalen Preis, spart sich die VAT-Unsicherheit und kann das Produkt im lokalen Laden begutachten, bevor man zuschlägt. Und sollte die DACH-Szene wider Erwarten nicht zünden, sitzt man nicht auf einem teuren Karton voller englischer Karten.
Für überzeugte TCG-Spieler mit Szene-Anschluss und Budget ist der Netrunner Starter Kit ein solider Einstieg. Zwei Starter Decks, zwei Booster Boxes, genug Material um sofort loszuspielen und ein paar Decks zu bauen. Wer unsicher ist, ob das Spiel vor Ort eine Community findet, fährt mit dem günstigsten Common Cyberdecks Tier oder dem Abwarten auf Retail vermutlich besser.
Das Cyberpunk TCG hat das Potenzial, ein großes Ding zu werden. Aber Potenzial ist kein Versprechen, und 400 Euro plus sind kein Impulskauf. Wer pledged, sollte das tun, weil er spielen will. Nicht, weil der Hype gerade laut ist.


