Start / News / 13 Millionen Dollar und jede Menge offene Fragen: Wo steht das Cyberpunk TCG wirklich?

13 Millionen Dollar und jede Menge offene Fragen: Wo steht das Cyberpunk TCG wirklich?

Das Cyberpunk Trading Card Game von WeirdCo und CD Projekt Red hat auf Kickstarter Geschichte geschrieben. Über 13 Millionen US-Dollar, fast 18.000 Unterstützer, das ursprüngliche Funding-Ziel von 100.000 Dollar nach fünf Minuten pulverisiert. Es ist das meistfinanzierte Trading Card Game in der Geschichte der Plattform. Klingt nach einem Triumphzug — und das ist es auch. Zumindest auf dem Papier.

Doch wer genauer hinschaut, entdeckt hinter der glänzenden Fassade eine Community, die längst nicht so geschlossen feiert, wie es die Zahlen vermuten lassen. Zwischen euphorischen Sammlern, skeptischen Spielern und einer Branche, die schon zu viele TCG-Projekte hat kommen und gehen sehen, entfaltet sich ein komplexes Bild.

Fünf Minuten bis zum Ziel, eine Woche bis zum 120-fachen

Wer am 17. März die Kickstarter-Seite aufgerufen hat, konnte dem Funding-Balken praktisch beim Explodieren zusehen. Die 100.000 Dollar? Erledigt, bevor die meisten ihren Morgenkaffee ausgetrunken hatten. Weniger als eine Woche nach Launch stand der Zähler bereits beim 120-fachen des ursprünglichen Ziels. Am 26. März meldeten mehrere Quellen — darunter GosuGamers und Outlook Respawn — einen Stand von über 13 Millionen Dollar bei 17.732 Backern.

Die Kampagne läuft noch bis zum 18. April 2026. Da dürfte noch einiges draufkommen, denn die Stretch-Goals liefern weiter Anreize: Bei 13,5 Millionen wird eine neue Legend-Karte freigeschaltet — Judy Alvarez als „Braindance Maestro“. Bei 14 Millionen gibt es zusätzliche Kartenhüllen-Designs.

Was steckt in der Box?

Das erste Set trägt den Namen „Welcome to Night City“ und soll im Laufe des Jahres 2026 erscheinen. Ikonische Charaktere wie V, Jackie Welles, Johnny Silverhand und Judy Álvarez bilden das Rückgrat. Set 2 wird dann vollständig der Anime-Serie Cyberpunk: Edgerunners gewidmet sein — ein cleverer Doppelschlag, der sowohl Videospiel- als auch Anime-Fans abholen soll.

Bei den Preisen wird es interessant. Retail Booster Displays mit 24 Packs (je 12 Karten) sollen bei 119,90 Dollar liegen. Die Beta Booster Displays — 36 Packs mit exklusiven „Iconic“-Karten — kosten 180 Dollar. Dazu kommen zwei Starter Decks für je 29,99 Dollar sowie verschiedene Event- und Demo-Kits für den organisierten Spielbetrieb.

Das sind selbstbewusste Preispunkte. Nicht unverschämt für ein Premium-TCG, aber auch nicht gerade ein Impuls-Kauf am Ladentresen.

Leader, Gigs und polyedrische Würfel

Spielmechanisch versucht das Cyberpunk TCG, sich von der Konkurrenz abzuheben — mit gemischtem Erfolg, wenn man den ersten Reaktionen glaubt. Drei Leader-Karten liegen separat vom Deck aus und definieren die Strategie. Vor jedem Spieler stehen sechs „Gig“-Würfel, polyedrische Würfel von D4 bis D20. Das Spielziel: sechs Gigs ansammeln, indem man eigene schützt und gegnerische stiehlt.

Karten unterteilen sich in drei Kategorien — Units, Programs und Gear —, jeweils in unterschiedlichen Farben, die Clans und Organisationen aus dem Cyberpunk-Universum repräsentieren. Wer das liest und an Duel Masters oder Magic: The Gathering denkt, liegt nicht falsch. Auf Reddit wurde das Gameplay als „barebones“ und stark von diesen Vorbildern inspiriert beschrieben. Allerdings — und das betont WeirdCo immer wieder — befinden wir uns noch in der Alpha-Phase.

Wer mitspielen will, muss übrigens einen Satz polyedrischer Würfel mitbringen. Für erfahrene Tabletop-Spieler kein Problem, für TCG-Einsteiger möglicherweise eine unerwartete Hürde. Wer noch keine besitzt: Ein gutes polyedrisches Würfel-Set gibt es schon für wenige Euro und gehört für dieses Spiel zur Grundausstattung.

Die Kartenqualität überzeugt — auch ohne KI

Ein Punkt, der in praktisch allen bisherigen Hands-On-Reviews positiv hervorgehoben wird: Die Karten sehen verdammt gut aus. „Slick, futuristic, bleak and action packed“ — so beschreibt es The Magic Rain. Der Karton sei hochwertig, der Druck fehlerfrei, ohne Verblassungen oder Artefakte.

Besonders bemerkenswert ist WeirdCos strikte „No A.I.“-Policy für sämtliches Artwork. In einer Branche, die zunehmend mit der Frage kämpft, wo die Grenze zwischen Werkzeug und Ersatz verläuft, ist das ein klares Statement. Ob es langfristig bei steigender Kartenproduktion durchzuhalten ist, wird sich zeigen. Aber Stand heute ist es ein Alleinstellungsmerkmal, das in der Community gut ankommt.

34.000 Discord-Mitglieder in einem Monat

Die Community wächst mit einer Geschwindigkeit, die selbst für gehypte Kickstarter-Projekte ungewöhnlich ist. Über 34.000 Mitglieder hat der offizielle Discord-Server in weniger als einem Monat gesammelt. Zum Vergleich: Riftbound, ein anderes TCG-Projekt, brauchte ein ganzes Jahr für 32.000.

Der Ton auf dem Discord wird als enthusiastisch und überwiegend positiv beschrieben. WeirdCo ist dort offenbar mit Developer-Zugang vertreten und kommuniziert direkt mit der Community. Daneben gibt es einen separaten Retail-Discord mit über 300 Mitgliedern, der sich an lokale Spieleläden richtet.

Die unbequemen Fragen

Jetzt zum Teil, den die PR-Abteilung lieber überblättern würde.

Auf Reddit — insbesondere in r/boardgames — wird seit Wochen eine Debatte geführt, die man nicht ignorieren kann: Wird dieser explosive Erfolg überhaupt von Spielern getrieben, oder sind es vor allem Spekulanten und Sammler, die das TCG als Investment sehen?

Die Frage ist berechtigt. Die höheren Pledge-Tiers stehen in der Kritik, als zu teuer empfunden zu werden. Es gibt eine spürbare Spaltung zwischen Backern, die sich auf das Gameplay freuen, und solchen, die vor allem auf den Sammlerwert der Beta-Karten schielen. Das ist kein unbekanntes Phänomen — Pokémon-Sammler können ein Lied davon singen —, aber für ein TCG, das sich gerade erst etablieren will, ist es ein zweischneidiges Schwert.

WeirdCo scheint sich dieser Gefahr bewusst zu sein. Das Unternehmen betont seine Anti-Scarcity-Strategie: Produkte sollen direkt an jeden Spieler geschickt werden, der sie bestellt. Der Crowdfunding-Weg soll helfen, die typischen Distributionsprobleme neuer TCGs zu umgehen — Skalping, künstliche Verknappung, ungleiche Zuteilung an Händler.

Richard Zapp, Head of Design bei WeirdCo, verspricht ein Spiel, das „über Jahrzehnte gespielt werden kann“ — mit mehr als fünf Jahren an geplanten Gameplay-Mechaniken und Themen in der Pipeline.

Ambitioniert. Aber so etwas hat die TCG-Branche schon öfter gehört.

Das Farben-Problem

Ein konkreter Kritikpunkt, der technisch klingt, aber für Betroffene gravierend ist: Spieler mit Rot-Grün-Farbschwäche könnten Schwierigkeiten haben, rote und grüne Karten zu unterscheiden. Die Kartenrahmen unterscheiden sich offenbar hauptsächlich farblich, ohne zusätzliche Ikonographie. Das ist ein Accessibility-Problem, das in einem modernen Kartenspiel nicht vorkommen sollte — und das WeirdCo relativ einfach beheben könnte. Bisher gibt es keine offizielle Reaktion dazu.

Distribution: GTS-Deal sichert US-Markt

Auf der Business-Seite hat WeirdCo einen exklusiven US-Distributionsvertrag mit GTS Distribution geschlossen. Lokale Spieleläden, die sich bis zum 1. Mai 2026 als offizielle Organized-Play-Stores registrieren und eine Bestellung aufgeben, bekommen eine garantierte Zuteilung plus 20 Prozent Nachbestellungs-Garantie.

Die Versand-Timeline sieht wie folgt aus: Kickstarter-Bestellungen und Beta Booster Displays gehen in der ersten Welle im dritten Quartal 2026 raus, einige Monate vor dem vollständigen Retail-Launch. Die zweite Welle folgt im vierten Quartal.

Als erste Lokalisierungssprache ist Französisch geplant. Deutsch? Noch kein Wort. Für die deutschsprachige Community ein Wermutstropfen, wenn auch kein überraschender — Französisch ist der größere europäische TCG-Markt.

Competitive Play steht schon im Kalender

WeirdCo hat nicht nur Karten geplant, sondern ein komplettes Turniersystem. Die lokale Phase umfasst Pre-Release-Abende, wöchentliche „Night City Brawl“-Events und regionale „Night City Showdown“-Turniere. Ganz oben steht eine offizielle Weltmeisterschaft.

Das ist ambitioniert für ein Spiel, das noch nicht einmal offiziell erschienen ist. Aber es zeigt, dass WeirdCo das Cyberpunk TCG von Anfang an als kompetitives Spielsystem positionieren will — nicht nur als Sammlerprodukt. Ob das Gameplay die Tiefe hergibt, die ein Turnier-Ökosystem braucht, kann derzeit niemand seriös beurteilen. Dafür ist die Alpha-Phase zu früh.

Die Gretchenfrage: Spiel oder Sammelobjekt?

Hier kommen wir zum Kern der Sache. Das Cyberpunk TCG hat gerade zwei sehr unterschiedliche Zielgruppen angelockt, und es ist alles andere als sicher, ob WeirdCo beide langfristig bei Laune halten kann.

Sammler wollen Seltenheit, exklusive Karten, wertsteigende Investitionen. Spieler wollen Balance, Tiefe, eine aktive Meta, regelmäßige Turniere und — ganz banal — andere Leute, die das Spiel auch tatsächlich spielen.

Diese beiden Interessen stehen in einem natürlichen Spannungsverhältnis. Scarcity treibt Sammlerwert, Verfügbarkeit treibt Spielerschaft. WeirdCos Anti-Scarcity-Ansatz deutet darauf hin, dass man sich eher in Richtung Spieler orientieren will. Aber 13 Millionen Dollar auf Kickstarter kommen nicht nur von Leuten, die freitagabends im LGS sitzen und Turniere spielen wollen.

Wer seine künftige Sammlung schon jetzt vernünftig schützen möchte, sollte sich rechtzeitig mit passendem Zubehör eindecken. Hochwertige Card Sleeves sind dabei Pflicht — sowohl für den Spieltisch als auch für die Vitrine.

Meine Einschätzung

Die Zahlen sind beeindruckend. Die Geschwindigkeit des Community-Aufbaus ist beeindruckend. Die Kunst ist beeindruckend. Aber beeindruckend allein reicht nicht.

Das Cyberpunk TCG steht vor der gleichen Hürde, an der in den letzten Jahren ein halbes Dutzend vielversprechender TCGs gescheitert ist: dem Übergang vom Kickstarter-Hype zum nachhaltigen Spielsystem. Die Kampagne zu finanzieren war der einfache Teil. Jetzt muss WeirdCo liefern — pünktlich, in der versprochenen Qualität, mit einem Gameplay, das über die ersten drei Abende hinaus Spaß macht.

Die nächsten Monate werden zeigen, ob das Cyberpunk TCG das nächste große Ding in der TCG-Landschaft wird oder ein weiteres Crowdfunding-Projekt, über das man in zwei Jahren sagt: „Ach ja, das gab es auch mal.“ Die Vorzeichen sind gut. Aber Vorzeichen sind keine Garantien.

Die Kampagne läuft noch bis zum 18. April. Wer sich selbst ein Bild machen will, findet auf der offiziellen Website ein Print-and-Play-Kit des Alpha-Sets. Erst spielen, dann pledgen — diese Reihenfolge sei jedem ans Herz gelegt.

Quellen

Markiert:

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Du nutzt einen Adblocker — kein Problem, wir respektieren das! Unsere Werbung ist dezent (keine Pop-ups, keine Videos). Wenn du uns unterstuetzen moechtest, freuen wir uns ueber ein Whitelisting. Danke, dass du Cyberpunk TCG News liest!