15,5 Millionen Dollar. Über 15.000 Backer. Noch zwei Wochen auf der Uhr. Das Cyberpunk TCG ist offiziell das meistfinanzierte Tabletop-Spiel in der Geschichte von Kickstarter — und vermutlich auch insgesamt im Crowdfunding. Krasser Rekord, keine Frage.
Aber mal ehrlich: Einen Haufen Geld einsammeln kann jedes Projekt mit genug Hype und einer fetten IP im Rücken. Die eigentlich spannende Frage ist doch eine ganz andere — nämlich was WeirdCo mit dem ganzen Vertrauensvorschuss eigentlich vorhat.
Kickstarter als Waffe gegen Scalper
Kickstarter hat WeirdCos Kampagne gerade in einem eigenen Case Study vorgestellt. Und was die da beschreiben, fand ich ziemlich aufschlussreich. Denn WeirdCo nutzt Kickstarter nicht einfach als schickes Vorbestell-Tool mit Countdown-Timer. Die nutzen es gezielt als Waffe gegen Scalper und Reseller.
Das Problem kennt jeder, der schon mal versucht hat, bestimmte Pokémon- oder Yu-Gi-Oh!-Displays zum Normalpreis zu kriegen. Reseller kaufen ganze Paletten auf und verticken sie mit absurdem Aufschlag weiter. Bei einem brandneuen TCG kann das tödlich sein — wenn echte Spieler nicht an die Karten kommen, stirbt das Spiel bevor es überhaupt laufen gelernt hat.
WeirdCos Lösung: Über Kickstarter direkt an die Spieler verkaufen, komplett ohne Zwischenhändler. Gleichzeitig liefern die Backer-Zahlen exakte Daten darüber, wie viel für den Retail-Launch gedruckt werden muss. Kein Rätselraten, keine Über- oder Unterproduktion. Die Kampagne als Marktforschung — ziemlich clever, wenn man drüber nachdenkt.
Dazu kommt: WeirdCo fährt eine strikte „Human-First Games“-Linie inklusive einer No-A.I.-Policy für die Kartenkunst. Über 20 Künstler arbeiten am Set, darunter Leute die schon an Cyberpunk 2077 und Edgerunners mitgewirkt haben. Das ist in der aktuellen Debatte um KI-generierte Kunst ein klares Statement.
Fünf Jahre Content — oder heiße Luft?
Richard Zapp, Head of Game Design bei WeirdCo, hat gegenüber Wargamer behauptet, dass bereits „über fünf Jahre neue Gameplay-Mechaniken und Themen in der Pipeline“ stecken. Das erste Set Welcome to Night City bringt die Cyberpunk 2077-Crew — V, Johnny, Judy, Jackie. Set 2 soll dann voll auf Edgerunners setzen. Und danach? Offenbar haben die noch einiges in der Hinterhand.
Klingt erst mal preem.
Aber — und das ist ein großes Aber — das TCG-Spielfeld 2026 ist brutal umkämpft. Star Wars Unlimited kämpft trotz der vermutlich stärksten IP der Welt ums Überleben. One Piece TCG hat massiv nachgelassen. Lorcana, Union Arena, Universus — alle buhlen um dieselben Spieler und dieselben Geldbeutel. Wie es eine Analyse bei Yahoo treffend formuliert: Der TCG-Markt ist „schlimmer verstopft als der Pacific Highway zur Rush Hour.“
Und wenn Cyberpunk in Q3/Q4 2026 ausliefert, wird das nicht besser geworden sein.
Collector-Hype vs. Spieler-Herz
Was mich persönlich etwas nachdenklich macht: Die Stretch Goals der Kampagne sind stark auf Collectibles ausgerichtet. Serialisierte Karten, Grading-Partnerschaften, Foil-Varianten in rauen Mengen — alles schick, klar. Aber wo bleibt der Stretch Goal für ein drittes Starter Deck? Oder für mehr Gameplay-Inhalte statt noch einer hübschen Kartenvariante?
In der Community kommt genau diese Kritik immer wieder hoch. Die Frage steht im Raum: Wird hier ein Spiel gebaut oder eine Sammelmappe? Meine Theorie dazu — WeirdCo weiß ganz genau, dass die Collector-Crowd gerade die Kasse füllt. Ob sie auch die Spieler langfristig bei Laune halten können, zeigt sich erst nach dem Launch.
Immerhin gibt es Gegenargumente. Das Gameplay selbst kriegt von den wenigen Testern durchweg positive Noten. Das Dice-System mit Street Cred, das Eddie-Ressourcensystem und die Gig-Mechanik als Win Condition heben sich deutlich von der Konkurrenz ab. Wer die Alpha gespielt hat, redet von einem „frischen Ansatz“ — kein Magic-Klon, kein Hearthstone-Abklatsch. Gut so.
Dazu der exklusive Distributions-Deal mit GTS für den US-Markt und eine Turnier-Roadmap vom Night City Showdown bis zur Weltmeisterschaft. Organized Play scheint kein Afterthought zu sein, sondern wurde von Anfang an mitgedacht.
Ich bleib optimistisch — aber mit offenen Augen. Wenn WeirdCo nach dem Kickstarter genauso transparent kommuniziert wie während der Kampagne und die Community nicht nur als Geldquelle behandelt, hat das Cyberpunk TCG eine reelle Chance, mehr als nur ein Hype-Produkt zu werden. Bis zum 18. April läuft die Kampagne noch. Wer dabei sein will, sollte sich die Pledge-Tiers nochmal genau anschauen — und sich fragen, ob man Spieler oder Sammler sein will. Oder vielleicht beides?
Quellen:
Kickstarter Blog: Case Study Cyberpunk TCG
Wargamer: Five Years of Gameplay Mechanics Planned
Yahoo: Can Cyberpunk TCG Survive Beyond Kickstarter?
GosuGamers: $15.5M Kickstarter Record
Passende Produkte bei Amazon*
TCG Würfel-Set | Cyberpunk 2077 | Cyberpunk Edgerunners
*Affiliate-Links: Bei einem Kauf erhalten wir eine kleine Provision – für dich ändert sich nichts am Preis.





