Die Kickstarter-Kampagne für Cyberpunk: The Card Game von WeirdCo hat ihren Funding-Milestone geknackt. Zahlen kursieren in der Community, Backer-Tiers wurden diskutiert, und der Name WeirdCo taucht in immer mehr TCG-Foren auf. Was dabei seltener gestellt wird: Wer hat diese Firma eigentlich gebaut, und warum sieht die Kampagne so aus, wie sie aussieht?
Das Gründerteam
Hinter WeirdCo stehen keine Kartenspieler, die irgendwann beschlossen haben, ihr Lieblings-Franchise in ein TCG zu verwandeln. Das Gründerteam kommt aus Digital Gaming und Investmentbanking.
CEO Luohan Wei hat an der McGill University studiert, dann bei Bain & Company gearbeitet, danach bei Activision Blizzard im Bereich Business Operations & Strategy (unter anderem Candy Crush und Call of Duty). Anschließend war er Principal & Co-Founder bei Juno Capital, einer auf Gaming spezialisierten Boutique-Merchant-Bank. Das Portfolio dort liest sich wie eine Übersicht der letzten Dekade: Gearbox, Niantic, Supercell, Bloober Team, Embracer Group, Haven Studios, Turtle Rock, Illfonic, Dignitas. Wei kennt also nicht nur Spieleentwicklung, sondern auch Deals, Kapitaltische und Exit-Strategien. Nach eigenen Angaben ist er außerdem Top-25-Spieler in Hearthstone in den USA — ein Detail, das ihn von reinen Finance-Profilen unterscheidet.
Elliot Cook, President & Co-Founder, bringt eine andere Kompetenz mit. Als VP Growth & Marketing beim Konzept- und Art-Dienstleister Concept Art House hat er Projekte für einige der meistgespielten Titel der Welt begleitet — Call of Duty Mobile, Fortnite, Hearthstone, Magic: The Gathering, League of Legends. Über tausend Spieletitel. Danach war er bei Players‘ Lounge und Reforge tätig, beides Plattformen im Gaming-Bereich. Cooks Hintergrund liegt im Marketing und in der Wachstumsstrategie, nicht im Game Design.
Wie die beiden zusammenkamen, hat Cook selbst erklärt:
„WeirdCo was formed when Luohan and I met each other through our mutual mentor, Bill Mooney: a true legend in the digital gaming space.“
Bill Mooney
Bill Mooney ist der dritte Name im Umfeld von WeirdCo. Sein Weg begann mit einem Philosophie-Studium und einem Law Degree, führte dann in die Spielebranche: Shaba Games, LucasArts, dann Zynga als erster Studio VP in einer Phase, in der FarmVille auf über 31 Millionen Daily Active Users kam. Auf der GDC Canada 2010 hielt er die Opening Keynote. Danach: Chief Product Officer bei Roblox, VP & Group GM bei EA (Capital Games, Star Wars: Galaxy of Heroes), CPO bei Skillz, VP Creative bei King, zuletzt CEO von Proteus Games. Dazu 12 Patente.
Mooney und Wei verbindet McGill. Die Verbindung zu Cook entstand offenbar über Mooney selbst, der als Mentor beide zusammenbrachte. Welche operative Rolle Mooney bei WeirdCo genau einnimmt, hat das Unternehmen bislang nicht öffentlich kommuniziert.
Das Team hinter den Karten
Wenn Wei und Cook keine Game Designer sind, wer hat dann das eigentliche Spiel entwickelt?
Jonny Erner ist Founding Creative Director bei WeirdCo. Er kommt von Second Dinner, dem Studio hinter Marvel Snap, und hat zuvor bei Blizzard gearbeitet. Sein Lebenslauf enthält außerdem eine Station bei Morgan Stanley. Richard Zapp fungiert als Head of Game Design: ehemaliger Mitarbeiter bei Wizards of the Coast, verantwortlich für eine Fünf-Jahres-Roadmap. Chris Solis, Lead Game Designer, hatte zuvor ein eigenes Studio.
Wenn in der Kommunikation rund um WeirdCo Referenzen auf Marvel Snap, Duel Masters oder UniVersus fallen, dann beschreiben diese die Erfahrung des Design-Teams, nicht die von Cook oder Wei. In TCG-Communities werden diese Lebensläufe gelegentlich vermischt.
WeirdCo beschäftigt nach Angaben von RocketReach 23 Mitarbeiter. Auf der Website steht explizit: „No A.I.“ — ein Statement im Kontext der aktuellen Debatte um KI-generierte Karten-Illustrationen.
Kickstarter als Dateninstrument
23 Mitarbeiter kosten Geld. In einem Gaming-Studio in Nordamerika sind das, grob gerechnet, weit über eine Million Dollar Jahresgehalt allein — ohne Büro, Lizenzen, Produktionskosten. Dass WeirdCo eine Kickstarter-Kampagne mit einem Ziel von $100.000 startet und dieses in fünf Minuten erreicht, ergibt als reines Finanzierungsinstrument wenig Sinn. Das Unternehmen muss bereits anderweitig kapitalisiert sein.
Was Kickstarter liefert, sind Daten. WeirdCo hat das selbst in einer Fallstudie zur Kampagne formuliert:
„If there’s 500 backers in Seattle, you can bet WeirdCo will be investing heavily in the market and local game scene… Regionals, anyone?“
Wer aus welcher Stadt kauft, in welchem Tier und in welchem Volumen, liefert WeirdCo eine geografische Heatmap der US-Nachfrage. Diese Daten fließen in die Entscheidung, wohin Turnierressourcen gehen, wo Organized Play aufgebaut wird und welche Händler priorisiert werden.
Vor dem Kickstarter-Start hatte WeirdCo bereits 48.000 Pre-Launch-Follower auf der Kampagnen-Seite gesammelt. Am ersten Tag kamen $8,3 Millionen von über 10.000 Backern zusammen. Damit hält die Kampagne den Rekord als meistfinanziertes TCG auf Kickstarter (zuvor Altered mit $6,7 Millionen) und als meistfinanziertes Kartenspiel überhaupt (zuvor Exploding Kittens mit $8,78 Millionen).
Die Tier-Struktur
Ein Booster Display liegt bei $119,90, ein Beta Display bei $180, ein Starter Deck bei $29,99. Zum Vergleich: Pokémon liegt im Display-Bereich bei etwa $144, Magic: The Gathering zwischen $130 und $160, One Piece TCG bei rund $96, Flesh and Blood bei $80 bis $110.
WeirdCo positioniert sich damit preislich im oberen Mittelfeld. Sechs Backer-Stufen zu je $7.999 (je 100 Stück) wurden angeboten, vier davon waren am ersten Tag vergeben. Ein einzelner Backer in einem dieser Tiers entspricht dem, was bei anderen Kampagnen Dutzende Mid-Tier-Backer leisten. Der durchschnittliche Erlös pro Backer liegt bei rund $824 — zum Vergleich: Altered: The Card Game erzielte bei seinem Kickstarter $90 bis $120 pro Backer.
Das verändert die Dynamik einer Kampagne. WeirdCo braucht keine Masse, um die Zahlen zu bewegen, sondern eine relativ kleine Gruppe von Backern mit hoher Zahlungsbereitschaft, die gleichzeitig als Signal für Händler und Distributoren dienen.
GTS, GAMA und der US-First-Ansatz
Noch vor dem Kickstarter-Start hatte WeirdCo Gespräche mit GTS Distribution geführt, einem der größten Distributoren für Tabletop- und TCG-Produkte in den USA. GTS ist exklusiver US-Partner. Dazu kommt eine Präsenz auf der GAMA Expo (1.–5. März, Kentucky, Booth #247), einer Fachmesse für den Hobby-Einzelhandel. Organized Play soll laut WeirdCo bis zum 1. Mai einen konkreten Rahmen bekommen. Der Retail-Launch ist für Q3 2026 angekündigt.
Cook dazu:
„Our Organized Play system is going to blow folks away.“
Was genau dahintersteckt, hat WeirdCo noch nicht im Detail kommuniziert. Der Zeitplan ist eng: Vom Kickstarter-Ende am 17. April bis zum OP-Stichtag am 1. Mai bleibt wenig Raum.
Die erste Fremdsprache nach Englisch, in der WeirdCo kommuniziert, ist Französisch. Wei studierte an der McGill University in Montreal, einer der wenigen englischsprachigen Universitäten in einer französischsprachigen Stadt. Montreal hat außerdem eines der dichtesten Videospiel-Cluster Nordamerikas: Ubisoft, Eidos, WB Games, EA. Eine Affinität zum frankophonen Markt — inklusive Kanada und Frankreich — liegt nahe.
Europa: Netzwerk vorhanden, Strategie unklar
Juno Capital, Weis vorheriger Arbeitgeber, hatte ein Büro in London. Teile des Netzwerks, das WeirdCo umgibt, sind also auch im europäischen Markt verankert. Öffentliche Ankündigungen für europäische Events, Händler oder Distributionspartner gibt es bislang nicht. GTS operiert exklusiv im US-Markt.
Wie WeirdCo Europa angehen will — ob über bestehende Kontakte, über einen separaten Distributor oder zu einem späteren Zeitpunkt — gehört zu den offenen Fragen rund um das Unternehmen.
Das Spiel selbst
Zur Spielmechanik hat Wei die Grundprämisse skizziert:
„I can’t wait for players to see how we’ve adapted the themes of Cyberpunk, like taking on gigs or building a crew, to a trading card game format.“
Mechaniken, die Gigs — also Aufträge aus der Cyberpunk-Lore — und Crew-Building ins Gameplay übersetzen, deuten auf einen Ansatz hin, der die Thematik nicht nur kosmetisch aufgreift. Wie tief die mechanische Umsetzung geht, lässt sich vor dem Release nicht beurteilen. Das Design-Team hat durch Erner und Zapp Erfahrung mit digitalen Kartenspielen (Marvel Snap, Hearthstone) und physischen CCGs (WotC). Die Frage, wie gut digitale Designprinzipien auf ein physisches Produkt übertragen werden können, bleibt bis zum Launch offen.
WeirdCo im Vergleich
Wer die aktuellen TCG-Neugründungen nebeneinanderlegt, sieht ein Muster: Bei Flesh and Blood ist James White gleichzeitig Designer und Gründer. Bei Lorcana kommt Ryan Miller mit TCG-spezifischer Erfahrung und ist mit Ravensburger einem etablierten Spieleverlag angegliedert. Bei Altered: The Card Game kommen die Gründer aus der Brettspielszene, sind aber selbst Designer und inhaltlich tief involviert.
WeirdCo ist strukturell anders aufgebaut: Ein CEO mit M&A- und Investment-Background, ein President mit Wachstums- und Vermarktungskompetenz, ein Mentor aus dem digitalen Games-Sektor — und ein separates Design-Team, das die eigentliche Spielentwicklung verantwortet. Das entspricht einem Studio-Modell, wie es aus der Videospielentwicklung bekannt ist: Ein Executive-Team, das Strategie, Kapital und Vertrieb steuert, und ein Entwicklerteam, das das Produkt baut.
Offene Fragen
Einige Punkte sind nach dem bisherigen Informationsstand nicht beantwortbar. Wer finanziert WeirdCo, und in welchem Umfang? Juno Capital wäre ein naheliegender Kandidat, aber WeirdCo hat dazu öffentlich nichts kommuniziert. Welche Rolle Mooney operativ einnimmt, bleibt unklar. Die Verbindung zu POW! Interactive und Jasco Games, die in Branchenkreisen diskutiert wird, ist ebenfalls nicht offiziell bestätigt.
Und dann ist da die Demografie der Backer. Wer kauft ein $7.999-Tier an einem einzigen Tag? Das sind keine Gelegenheitsspieler — das sind entweder Händler, Investoren oder eine sehr spezifische Gruppe von TCG-Enthusiasten mit hoher Zahlungsbereitschaft. Wer diese Gruppe ist und wie WeirdCo sie erreicht hat, sagt etwas über die Reichweite des Netzwerks aus, das hinter der Firma steht.
Quellen:
ContactOut: Luohan Wei ·
Juno Capital Partners ·
ZoomInfo: Elliot Cook ·
OmegaUltra: WeirdCo Exclusive ·
Temple of Geek: Interview ·
LA Games Conference: Bill Mooney ·
NY Games Conference: Bill Mooney ·
TechCrunch: Mooney zu Skillz ·
ICv2: Cyberpunk TCG $10M ·
ICv2: GAMA Expo / GTS ·
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Wargamer: 5-Jahres-Roadmap ·
CDPR: Kampagnen-Ankündigung ·
WeirdCo Blog: Retail Plans



