Sechs Tage. Zwölf Millionen Dollar. Über 15.000 Backer. Das Cyberpunk Trading Card Game von WeirdCo und CD Projekt Red hat auf Kickstarter eine Schneise durch sämtliche TCG-Rekorde geschlagen – und wirft gleichzeitig Fragen auf, die sich nicht mit Hype allein beantworten lassen.
Fünf Minuten bis zum Ziel, sechs Tage bis zur Legende
Als die Kampagne am 17. März 2026 live ging, war das Finanzierungsziel von 100.000 Dollar nach fünf Minuten erreicht. Fünf Minuten. Wer sich in der TCG-Branche auskennt, weiß: Das passiert nicht einfach so. Dahinter steckt eine Community, die seit dem Announcement im Dezember 2025 – eingebettet in einen Anniversary-Trailer zu Cyberpunk 2077 – fieberhaft auf diesen Moment gewartet hat.
Stand heute, 23. März 2026, steht der Zähler bei über 12 Millionen Dollar. Das ursprüngliche Ziel wurde damit um den Faktor 120 übertroffen. Stretch Goals wie Johnny Silverhand und Saburo Arasaka sind längst freigeschaltet. Die Kampagne läuft noch bis zum 17. April, und wer die Dynamik der letzten Tage beobachtet hat, dürfte davon ausgehen, dass hier noch einiges draufkommt.
Das Cyberpunk TCG ist damit offiziell das meistfinanzierte Trading Card Game in der Geschichte von Kickstarter. Ein Meilenstein, der sich gewaschen hat – aber eben auch einer, der Erwartungen schürt, die irgendwann eingelöst werden müssen.
Was steckt eigentlich in den Karten?
Reden wir über das Spiel selbst, denn bei aller Euphorie um Dollarbeträge vergisst man leicht, dass am Ende ein Kartenspiel auf dem Tisch liegen soll. Und hier liefert WeirdCo durchaus Substanz.
Das Debut-Set trägt den Namen „Welcome to Night City“ und setzt auf die ikonischen Gesichter aus Cyberpunk 2077: V, Johnny Silverhand und Judy Álvarez stehen im Mittelpunkt. Set 2 mit dem Arbeitstitel „Edgerunners“ wird sich dann dem Anime-Universum widmen – ein kluger Schachzug, der sowohl Gamer als auch Anime-Fans abholt.
Spielmechanisch setzt das Team auf ein sogenanntes „Leader“-System, ergänzt durch physische „Street Cred“-Würfel, die dem Gameplay eine taktile Komponente verleihen. Erste Hands-on-Berichte beschreiben die Partien als hochgradig interaktiv mit schnellen Zügen – weit entfernt vom behäbigen Hin-und-Her mancher Konkurrenzprodukte. Die Würfelmechanik bringt ein Element der Unberechenbarkeit, das zum Cyberpunk-Setting passt wie ein Mantis-Blade zum Cyberpsycho.
WeirdCo hat außerdem eine Roadmap vorgelegt, die über fünf Jahre neue Mechaniken und Themen verspricht. Das ist ambitioniert, aber auch notwendig: Ein TCG ohne langfristigen Gameplan ist ein totes TCG.
Artwork: Der eigentliche Star
Was in den bisherigen Previews sofort ins Auge springt, ist die Kartenqualität. Klare Drucke, keine sichtbaren Fehler, dazu Alternate Art Foil Cards, die Sammlern das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Community-Stimmen bestätigen den Eindruck: Die Künstler haben ihre Herzen reingesteckt – das Artwork wird als elegant, futuristisch, düster und actiongepackt beschrieben.
Besonders bemerkenswert: WeirdCo fährt eine strikte „No A.I.“-Policy. Jedes Artwork ist zu 100 Prozent von menschlichen Künstlern erstellt. In einer Zeit, in der generative KI die Kreativbranche durchschüttelt, ist das ein Statement – und eines, das in der Community gut ankommt. Ob es langfristig bei fünf Jahren geplanter Sets wirtschaftlich durchzuhalten ist, steht auf einem anderen Blatt.
Wer seine Karten von Anfang an schützen will, sollte sich rechtzeitig mit passendem Zubehör eindecken. Hochwertige Card Sleeves in Standardgröße gehören zur Grundausstattung jedes TCG-Spielers – und bei Karten dieser Qualität erst recht.
Was es kosten wird
Kommen wir zum Punkt, der in der Community am kontroversesten diskutiert wird: die Preise. Auf Kickstarter reichen die Pledge-Stufen von 49 Dollar für Starter Decks bis hin zu 8.000 Dollar für exklusive Collector Sets. Das ist eine Spanne, die selbst für Kickstarter-Verhältnisse beachtlich ist.
Für den Retail-Markt hat GTS Distribution als exklusiver US-Partner folgende Preise kommuniziert:
- Retail Booster Display (24 Packs à 12 Karten): 119,90 Dollar MSRP
- Beta Booster Display (36 Packs mit exklusiven Iconic Cards): 180,00 Dollar
- Starter Decks: 29,99 Dollar pro Stück
Die Booster-Preise liegen damit im oberen Bereich dessen, was der Markt derzeit hergibt. Zum Vergleich: Ein Display des aktuellen Pokémon-TCG-Sets bewegt sich in den USA um die 95 bis 100 Dollar. Ob der Cyberpunk-Aufschlag durch Kartenqualität und Lizenz gerechtfertigt ist, muss jeder für sich entscheiden.
Für zertifizierte OP-Stores (Organized Play) gibt es immerhin eine 20-prozentige Restock-Garantie, sofern die Bestellung bis zum 1. Mai 2026 eingeht. Ein wichtiges Signal an den stationären Handel, der bei TCG-Launches der letzten Jahre oft das Nachsehen hatte.
Die Schattenseite des Hypes
So beeindruckend die Zahlen sind – wer in die Community-Diskussionen eintaucht, findet ein differenzierteres Bild. Auf Reddit, insbesondere in r/boardgames, dominiert Skepsis. Die Hauptkritikpunkte lassen sich auf drei Kernfragen verdichten.
Erstens die Preisstruktur. Die hohen Pledge-Tiers wirken auf viele wie ein Sammlerspiel, das Spieler mit dünnerer Geldbörse ausgrenzt. Wer 8.000 Dollar für ein Collector Set hinblegt, tut das nicht, um Freitagabend am Küchentisch zu spielen. Die Frage ist berechtigt: Wird das Cyberpunk TCG primär ein Sammlerobjekt oder ein lebendiges Spielsystem?
Zweitens die Langzeitviabilität. TCG-Veteranen wissen, dass ein fulminanter Launch keine Garantie für ein gesundes Ökosystem ist. Die Geschichte ist voll von Kartenspielen, die mit großem Knall gestartet und nach zwei Sets eingestampft wurden. Fünf Jahre Roadmap klingen gut auf Papier – aber der Markt verzeiht keine Fehler in der Balancing- und Erweiterungspolitik.
Drittens die CDPR-Frage. Warum braucht ein Studio, das mit The Witcher und Cyberpunk 2077 Milliarden umgesetzt hat, eine Kickstarter-Kampagne? WeirdCo-Mitgründer Elliot Cook hat das in einem Kickstarter-Case-Study adressiert: Die Plattform diene nicht primär der Finanzierung, sondern dem Verständnis von Angebot und Nachfrage – und damit dem Schutz vor Scalping. Der direkte Versand an alle Backer soll Engpässe verhindern, wie sie bei anderen TCG-Launches für leere Regale und explodierte Sekundärmarktpreise gesorgt haben.
Das Argument hat Substanz, wird aber nicht jeden überzeugen. Kickstarter als Marktforschungstool einzusetzen, während man gleichzeitig die finanzielle Sicherheit eines AAA-Publishers im Rücken hat – das schmeckt manchen nach Rosinenpickerei.
Ein Problem, das nicht auf die leichte Schulter gehört
Ein Detail, das in der Berichterstattung bisher untergeht, verdient besondere Aufmerksamkeit: die fehlende Accessibility für farbblinde Spieler. Das aktuelle Kartendesign unterscheidet Fraktionen oder Ressourcentypen ausschließlich über farbige Rahmen – ohne zusätzliche Ikonografie. Für Spieler mit Rot-Grün-Farbblindheit, immerhin rund acht Prozent der männlichen Bevölkerung, kann das zum echten Hindernis werden.
In einem modernen TCG, das 2026 auf den Markt kommt, ist das ein vermeidbarer Fehler. Magic: The Gathering hat nach jahrzehntelanger Kritik farbblindheitsfreundliche Symbole eingeführt. WeirdCo wäre gut beraten, hier vor dem Retail-Launch nachzubessern. Die Community hat das Thema bereits angesprochen – jetzt muss das Entwicklerteam liefern.
Der Fahrplan bis zur Ladentheke
Für alle, die nicht über Kickstarter eingestiegen sind oder den Retail-Release abwarten wollen, hier die Timeline: Die erste Erfüllungswelle für Backer ist für Q3 2026 geplant, mit Express-Versand. Die zweite Welle folgt in Q4 2026 und fällt damit zusammen mit dem geplanten Retail-Launch. Das Set „Welcome to Night City“ soll dann im Dezember 2026 regulär in den Handel kommen.
Ob diese Zeitpläne halten, ist die große Unbekannte. Kickstarter-Kampagnen dieser Größenordnung haben eine notorische Geschichte verspäteter Auslieferungen. WeirdCo wird sich daran messen lassen müssen, ob die Karten tatsächlich pünktlich auf den Tischen landen.
Wer schon jetzt vorbereiten will: Eine solide Deckbox und ein vernünftiger Sammelordner mit 9-Pocket-Pages sind nie eine schlechte Investition, egal welches TCG man spielt.
WeirdCo als Partner: Traum oder Risiko?
Über WeirdCo selbst ist bislang vergleichsweise wenig bekannt. Das Studio positioniert sich als leidenschaftliches TCG-Team mit direktem Draht zu CD Projekt Red. Co-Founder Elliot Cook bezeichnete CDPR als „Dream Partner“ und betonte, dass das Team vor Ort in Seattle zusammengearbeitet habe. Die No-A.I.-Policy und der Community-fokussierte Ansatz sprechen für eine Philosophie, die Spieler ernst nimmt.
Gleichzeitig fehlt WeirdCo die Track Record, die etablierte TCG-Publisher wie Wizards of the Coast oder Bandai Namco mitbringen. Fünf Jahre lang Sets zu designen, zu balancen, zu drucken und weltweit zu distribuieren – das ist eine logistische und kreative Mammutaufgabe. Der Kickstarter-Erfolg verschafft finanzielle Luft, aber kein Erfahrungspolster.
Einordnung: Meisterhafter Launch, offene Fragen
Das Cyberpunk TCG hat in seiner ersten Woche mehr richtig gemacht als die meisten TCG-Newcomer in ihrem gesamten Lebenszyklus. Die Marke zieht, das Artwork begeistert, die Gameplay-Mechaniken klingen durchdacht, und die Anti-Scalping-Strategie über Kickstarter ist zumindest ein cleverer Ansatz.
Aber zwölf Millionen Dollar auf Kickstarter machen noch kein erfolgreiches TCG. Dafür braucht es ein ausbalanciertes Metagame, eine aktive Organized-Play-Szene, regelmäßige Sets, die weder zu stark noch zu schwach powercreepen, und vor allem: Spieler, die Woche für Woche an den Tisch zurückkehren. Nicht Sammler, die ihre Foils in den Tresor legen.
Die nächsten Monate werden zeigen, ob WeirdCo und CDPR diesen Marathon laufen können – oder ob der Cyberpunk-TCG-Hype nach dem Kickstarter-Feuerwerk so schnell verglüht wie ein gescheiterter Netrun in der roten Zone von Night City.
Die Kampagne läuft noch bis zum 17. April 2026. Wer dabei sein will, findet alle Pledge-Stufen auf der offiziellen Kickstarter-Seite.
Quellen
- Insider Gaming – Cyberpunk TCG überschreitet $12 Millionen
- Wargamer – Cyberpunk TCG Gameplay-Analyse
- The Magic Rain – Cyberpunk TCG Preview
- ICv2 – GTS Distribution Retail-Preise
- Respawn / Outlook India – Kickstarter-Update
- CD Projekt Red – Offizielle Pressemitteilung
- Kickstarter Case Study – WeirdCo Interview





