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Die Lieferkette hinter dem Cyberpunk TCG

Cyberpunk TCG - Partnerschaften mit CGC, Eventro und Pyramid

Über zwölf Millionen Dollar auf Kickstarter, fünfzehntausend Backer, Stretch Goals im Wochentakt. Die Zahlen der Cyberpunk-TCG-Kampagne kennt mittlerweile jeder, der sich für Kartenspiele interessiert. Was deutlich weniger Aufmerksamkeit bekommt: Wer baut diese Karten eigentlich? Wer gießt die Würfel? Wer bringt die Displays in den Laden um die Ecke? Die Lieferkette hinter einem Trading Card Game ist ein eigenes Ökosystem — und bei WeirdCo lassen sich die Partner langsam zuordnen.

Die bestätigten Partner

WeirdCo hat seit Kampagnenstart in mehreren Kickstarter-Updates Partnerschaften bekanntgegeben. Die Liste ist mittlerweile beachtlich und zeigt eine klare Strategie: Premium-Marken für die Kernkomponenten, keine Kompromisse bei der Wahrnehmung.

Dragon Shield liefert die offiziellen Kartenhüllen. Das dänische Unternehmen Arcane Tinmen produziert die Sleeves seit 1999 und gilt bei kompetitiven Spielern als Referenz. Wer auf Turnieren spielt, kennt die mattschwarzen Hüllen. Dass WeirdCo sich für Dragon Shield entschieden hat und nicht für Ultra PRO (den Platzhirsch mit Lizenzverträgen bei Wizards of the Coast) oder Gamegenic (Asmodees hauseigene Zubehörmarke aus Essen), ist ein Signal: Man positioniert sich näher an der Turnierszene als am Massenmarkt.

Dispel übernimmt die Premium-Würfel. Dispel Dice wurde durch einen eigenen Kickstarter bekannt, der 2019 in zwei Minuten sein Finanzierungsziel erreichte und mit 2,4 Millionen Dollar abschloss. Die Firma ist auf handgefertigte Resin-Würfel spezialisiert, jeder einzelne ein kleines Kunstwerk. Für das Cyberpunk TCG gibt es drei Charakter-Varianten: Jackie Welles, Judy Álvarez und Adam Smasher. Diese Premium-Sets sind ab dem 499-Dollar-Tier enthalten.

BESTÄTIGTE PARTNER

Dragon Shield (Arcane Tinmen, Dänemark) — Offizielle Kartenhüllen
Dispel (Dispel Dice, USA) — Premium-Würfel in Charakter-Designs
Displate — Metall-Wandposter mit Cyberpunk-Motiven
CGC (Certified Guaranty Company) — Pre-Grading für Promo-Karten
Evoretro — High-End-Kartenschutz
Pvramid — Spielmatten
GTS Distribution (USA) — Exklusiver US-Distributor
Rebel (Polen) — Distributor für den polnischen Markt
Let’s Play Games (Australien/Neuseeland) — Distributor ANZ
Legendary Games (Südostasien/HK/Taiwan) — Distributor Asien

CGC, die Certified Guaranty Company, ist der zweite große Name im Grading-Geschäft neben PSA. Dass WeirdCo bereits vor der Auslieferung eine Partnerschaft mit einem Grading-Service eingeht und eine Pre-Graded-Promo-Karte anbietet, zeigt, wie ernst der Sammlermarkt genommen wird. Die „V: Corporate Exile“ kommt als CGC-bewertete Karte direkt in die Hände der Backer — ein Novum für ein TCG, das noch nicht einmal im Handel ist.

Wer druckt die Karten?

Die eine Frage, die WeirdCo bisher konsequent nicht beantwortet hat. Kein Kickstarter-Update, kein Interview, kein Blogpost nennt den Druckpartner. Das ist in der Branche nicht ungewöhnlich — viele Publisher halten ihre Druckerei aus Wettbewerbsgründen geheim. Aber es lässt Raum für Spekulation.

Die TCG-Druckbranche wird von einer Handvoll Unternehmen dominiert. An der Spitze steht Cartamundi, ein belgischer Konzern mit Wurzeln im 18. Jahrhundert und heute 13 Fabriken weltweit. Cartamundi druckt Magic: The Gathering seit der allerersten Alpha-Edition 1993. Damals wurden Jumbo-Jets voller Karten von Belgien in die USA geflogen. Heute läuft die englischsprachige MTG-Produktion über das Werk in Dallas, Texas, die fremdsprachigen Editionen über Turnhout in Belgien. Auch Pokémon-Karten für den englischsprachigen Markt kommen teilweise von Cartamundi. Der Konzern hat 2019 die United States Playing Card Company übernommen (Bicycle, Bee, Hoyle) und 2023 Theory11 für 150 Millionen Dollar dazugekauft. Wer im Westen Karten drucken lässt, kommt an Cartamundi kaum vorbei.

Cartamundi druckt Magic: The Gathering seit der allerersten Alpha-Edition 1993. Damals flogen Jumbo-Jets voller Karten von Belgien in die USA.

Die Pokémon Company hat sich 2022 ihren eigenen Drucker gesichert: Millennium Print Group in Morrisville, North Carolina, wurde zur hundertprozentigen Tochter. Die Kapazität ist beeindruckend — 26,6 Millionen Karten pro Tag, und Ende 2025 wurde ein neuer Campus mit 1,27 Millionen Quadratfuß angekündigt. Aber MPG druckt exklusiv für Pokémon und steht externen Kunden nicht zur Verfügung.

Auf der anderen Seite des Pazifiks sitzt Toppan in Tokio, ein Mischkonzern mit 52.000 Mitarbeitern und über 120 Jahren Druckerfahrung. Toppans Besonderheit: Die Anti-Fälschungstechnologie stammt aus dem Banknotendruck. Hologramme, Spezialpigmente, PUF-basierte IC-Tags — Technologie, die kein anderer TCG-Drucker in dieser Tiefe mitbringt. Toppan bedient den japanischen TCG-Markt, darunter vermutlich Teile der Pokémon-, Yu-Gi-Oh!- und One-Piece-Produktion.

Für ein Kickstarter-TCG in der Größenordnung von WeirdCo kommen noch weitere Kandidaten in Frage. WJPC aus Shenzhen, gegründet 2006, hat sich auf Custom-TCG-Produktion spezialisiert und gilt qualitativ als eine Stufe über dem Branchenstandard für chinesische Fertigung. MPC (MakePlayingCards), eine Tochter der börsennotierten QP Group aus Hongkong, bietet mit über 3.000 Mitarbeitern und Fabriken in Dongguan und Vietnam die Infrastruktur für große Auflagen. Und in Europa gibt es Ludocards in Italien, eine Familiendruckerei in Piemont, die mit Solarenergie und recycelbaren Materialien produziert.

Was für Cartamundi als WeirdCos Partner spricht: die Nähe zum US-Markt (Werk in Dallas), die Erfahrung mit TCG-spezifischen Anforderungen wie Collation (die mathematisch korrekte Zufallsverteilung der Seltenheitsstufen in Booster-Packs) und die Kapazität für Foiling und Hologramme. Was dagegen spricht: Cartamundi ist chronisch ausgelastet, und große Bestandskunden wie Hasbro und die Pokémon Company werden priorisiert. Ein Debüt-TCG, auch eines mit zwölf Millionen Dollar Kickstarter-Budget, steht in der Warteschlange weiter hinten.

Würfel: Mehr als Plastik

Das Cyberpunk TCG verwendet polyedrische Würfel (D4, D6, D8, D10, D12, D20) als Spielmechanik — die Gigs, um die gekämpft wird, werden durch diese Würfel repräsentiert. Jede Runde kommt ein neuer hinzu, und der Würfelwert bestimmt den Street-Cred-Beitrag. Die Würfel sind also nicht Beiwerk, sondern Kern des Spiels.

Dispel liefert die Premium-Varianten. Aber in jedem Starter-Deck liegen auch Basis-Würfel bei, und deren Hersteller ist nicht bekannt. Beim Zwei-Millionen-Dollar-Stretch-Goal wurde die Qualität dieser Basis-Würfel aufgewertet — was darauf hindeutet, dass der ursprünglich geplante Standard-Lieferant gegen einen hochwertigeren getauscht wurde.

Der naheliegendste Kandidat für die Basis-Würfel wäre Q Workshop aus Poznań, Polen. Das Unternehmen produziert seit 2001 aufwendig gravierte Themenwürfel und hat bereits Erfahrung mit der Cyberpunk-IP: Q Workshop fertigt die offiziellen Würfelsets für Cyberpunk RED, das Pen-and-Paper-Rollenspiel von R. Talsorian Games, und hat auch Würfel für The Witcher produziert — beides CD-Projekt-Red-Lizenzen. Die Verbindung über den gemeinsamen Lizenzgeber CDPR liegt auf der Hand.

Alternativ könnte ein chinesischer OEM-Hersteller die Basis-Würfel liefern. Niandice aus Shenzhen etwa produziert mit einer vollautomatischen Druckgussmaschine 105.000 Sets pro Monat — die Kapazität für fünfzehntausend Kickstarter-Backer wäre kein Problem. Der Branchenriese Chessex aus Fort Wayne, Indiana, dominiert den Massenmarkt seit 1987 und liefert auch Custom-Aufträge für Spieleverlage.

Der Weg in den Laden

Ein TCG kann auf Kickstarter jeden Rekord brechen — wenn es danach nicht in den Regalen der Local Game Stores steht, ist es innerhalb eines Jahres vergessen. WeirdCo weiß das und hat die Retail-Strategie früh kommuniziert.

In den USA ist GTS Distribution exklusiver Partner. Der Deal wurde auf der GAMA Expo Anfang März offiziell vorgestellt, WeirdCo hatte Stand 247 direkt neben GTS. Händler, die sich bis zum 1. Mai als Official OP Store registrieren und eine Bestellung aufgeben, erhalten eine garantierte Zuteilung plus zwanzig Prozent Restock-Garantie. Die Retail-Preise: 119,90 Dollar für ein Display mit 24 Booster-Packs, 29,99 Dollar pro Starter-Deck.

GTS ist kein unumstrittener Partner. Ende 2024 hat Portal Games nach neun Jahren die Zusammenarbeit beendet, mit der öffentlichen Begründung, GTS könne nicht „den besten Service für ihre Marke bieten“. Gleichzeitig ist der gesamte US-Distributionsmarkt im Umbruch: Alliance Game Distributors, einer der größten Hobby-Distributoren, ging mit seinem Mutterkonzern Diamond Comics in die Insolvenz und wurde im Mai 2025 von Universal Distribution für 49,6 Millionen Dollar übernommen. Flat River Group, der ambitionierte Versuch einer Private-Equity-gestützten Konsolidierung aus ACD, PHD und Luma, schrumpft wieder. Die Veteranen dort haben Luma Imports unter dem Dach von ACD Distribution neu gestartet.

Ein TCG kann auf Kickstarter jeden Rekord brechen — wenn es danach nicht in den Regalen steht, ist es innerhalb eines Jahres vergessen.

Außerhalb der USA ist die Lage dünner. Rebel übernimmt den polnischen Markt — naheliegend, weil CDPR in Warschau sitzt. Let’s Play Games bedient Australien und Neuseeland, Legendary Games Südostasien, Hongkong und Taiwan. Für den Rest steht auf der WeirdCo-Retailer-Seite ein Satz: „Distributors for other regions will be announced soon.“

Die europäische Leerstelle

Deutschland ist der größte TCG-Markt in Europa. Sechzehn Prozent des Asmodee-Konzernumsatzes kommen allein aus Deutschland — mehr als aus Großbritannien, mehr als aus dem gesamten Rest Europas außerhalb Frankreichs. Dass für den DACH-Raum sechs Wochen vor der Händler-Deadline kein Distributor feststeht, ist auffällig.

Die heißeste Spur führt nach Thüringen. Die Luminous Cards GmbH aus Gera, ein im November 2024 gegründeter TCG-Großhändler, hat das Cyberpunk TCG bereits als eigene Kategorie in ihrem B2B-Shop gelistet — neben Magic, Pokémon, Yu-Gi-Oh! und Lorcana. Auf der Startseite von luminous.cards prangt ein Banner mit direktem Link zum Händler-Bewerbungsformular von WeirdCo. Offiziell bestätigt ist die Partnerschaft noch nicht: Auf der Retailer-Seite von cyberpunktcg.com taucht Luminous Cards bislang nicht auf. Aber die Signale sind deutlich.

Das Unternehmen hinter Luminous Cards wird von Dennis-Thomas Viert geführt, der auch die TCGViert GmbH betreibt und über den Cardmarket-Shop PokeViert im Einzelhandel aktiv ist. Luminous Cards beliefert nach eigenen Angaben über 2.700 Geschäftskunden weltweit und vertreibt Zubehör von Dragon Shield, Ultra PRO und Ultimate Guard. Sieben offene Stellen auf der Karriereseite deuten auf Wachstum hin. Was Luminous Cards fehlt, ist der Track Record: Die GmbH existiert erst seit sechzehn Monaten. Ob ein Unternehmen dieser Größe den Retail-Launch eines zwölf-Millionen-Dollar-Kickstarter-TCGs im größten europäischen Markt stemmen kann, ist eine offene Frage.

Die etablierten Alternativen stehen ebenfalls im Raum. Asmodee, der Marktführer, vertreibt Magic und Pokémon in Europa und hat mit der Übernahme des Heidelberger Spieleverlags 2017 seine deutsche Infrastruktur ausgebaut. Allerdings ist Asmodee primär auf seine bestehenden Großkunden fokussiert und seit Ende 2024 als eigenständiges börsennotiertes Unternehmen unter Druck, profitabel zu bleiben.

Heo GmbH aus Herxheim vertreibt Magic: The Gathering und Yu-Gi-Oh! in mehreren europäischen Märkten, besitzt mit Ultimate Guard eine eigene Premium-Zubehörmarke und hat Teams in Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien. Dazu kommt ein Büro in Seattle — geografisch direkt vor WeirdCos Haustür. Heo hat kürzlich eine strategische Partnerschaft mit Renegade Game Studios für die europäische Distribution angekündigt. Die Infrastruktur wäre da.

Pegasus Spiele aus Friedberg ist einer der wenigen großen deutschen Distributoren, die nicht zu Asmodee gehören. Pegasus hat Geschichte mit TCGs: 1994, ein Jahr nach der Magic-Erstveröffentlichung, richtete Pegasus die erste deutsche Magic-Meisterschaft aus. Die Distributionsrechte gingen zwar später verloren, aber die Erfahrung und das Händlernetzwerk sind geblieben.

Zur Frage der deutschen Lokalisierung gibt es ebenfalls keine Antwort. Französisch ist als erste Fremdsprache bestätigt. Ob und wann eine deutsche Ausgabe kommt, ist offen. Wir haben eine Presseanfrage an WeirdCo gestellt und werden über eine Antwort berichten.

Fulfillment: 15.000 Pakete in zwei Wellen

Die Auslieferung an Kickstarter-Backer ist logistisch eine andere Herausforderung als der Retail-Vertrieb. Fünfzehntausend individuelle Pakete, global verteilt, mit unterschiedlichen Tier-Zusammenstellungen, Zollabwicklung und Umsatzsteuer-Erhebung über den Pledge Manager.

WeirdCo hat die Lieferung in zwei Wellen aufgeteilt. Welle 1 im dritten Quartal 2026 bringt die Kernprodukte per Express: Starter-Decks, Beta-Booster-Displays, Event Kits. Welle 2 im vierten Quartal liefert den Rest per Standardversand: Add-ons, Zubehör, Premium-Extras. Die Versandkosten werden nur einmal berechnet, unabhängig von der Welle.

Wer das Fulfillment übernimmt, hat WeirdCo nicht kommuniziert. In der Branche gibt es spezialisierte Dienstleister dafür. Quartermaster Logistics aus Orlando gilt als Gold-Standard bei Tabletop-Kickstartern und bietet über die Tochterfirma Quartermaster Direct auch den Übergang von Crowdfunding zu Retail-Distribution an. Für den europäischen Markt ist GamesQuest aus Großbritannien der Marktführer mit über 3.000 abgewickelten Kampagnen in zehn Jahren. Spiral Galaxy Games aus Telford bedient ebenfalls den UK- und EU-Raum.

Die Herausforderung bei einem Projekt dieser Größe: Die Kampagne hat die ursprünglichen Erwartungen offensichtlich weit übertroffen. Ein Finanzierungsziel von hunderttausend Dollar, das in fünf Minuten erreicht wird, deutet auf eine Planung hin, die mit deutlich weniger Backern rechnete. Die Skalierung von der geplanten auf die tatsächliche Menge ist der logistische Stresstest — und bei einem Debüt-Unternehmen ohne Track Record in der physischen Produktion ein echtes Risiko.

Was noch fehlt

Die Lieferkette hinter dem Cyberpunk TCG lässt sich heute in Umrissen erkennen, aber mehrere zentrale Fragen bleiben offen. Der Kartendrucker ist nicht benannt — und damit auch nicht die Kartenqualität im Detail: Grammatur, Core-Typ, Finish. Die Basis-Würfel haben keinen bekannten Hersteller. Der Fulfillment-Partner ist nicht öffentlich. Die europäische Distribution fehlt. Eine deutsche Lokalisierung ist nicht bestätigt.

WeirdCo hält sich bei Produktionsdetails bewusst bedeckt. Die Kommunikation fokussiert sich auf das Endprodukt und die Retail-Strategie. Für Backer, die im dritten Quartal ihre Pakete erwarten, werden die Antworten auf diese Fragen spätestens beim Öffnen der ersten Booster kommen. Für den europäischen Markt wäre es besser, wenn sie vorher kämen.

Wir haben WeirdCo um eine Stellungnahme zur DACH-Distribution und zur deutschen Lokalisierung gebeten. Sobald eine Antwort vorliegt, berichten wir.

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