Cyberpunk TCG: All is Lost macht den Trash zur Waffe
Es gibt Karten, die brüllen, und es gibt Karten, die im Stillen festlegen, wie alles andere funktioniert. All is Lost gehört zur zweiten Sorte. WeirdCo hat sie am Wochenende gezeigt, sie kostet einen einzigen Eddie, und ihr erster Effekt besteht darin, drei Karten aus eurem eigenen Deck in den Müll zu werfen.
Meine erste Reaktion war ehrlich gesagt Schulterzucken. Common, ein Eddie, anderthalb Zeilen Kartentext. Dann habe ich nachgeschaut, was in der offiziellen Kartendatenbank sonst noch alles am Trash hängt, und die Sache sah plötzlich anders aus.
Was da wirklich steht
Der offizielle Regeltext ist kurz genug, um ihn komplett zu zitieren:
Trash 3. Add a Unit from among them to your hand.
Entscheidend ist, was „Trash“ im Regelwerk bedeutet, denn im Deutschen klingt das Wort sofort nach Handkarten abwerfen. Ist es aber nicht. Das offizielle Glossar definiert den Begriff als „to put the top card of your deck into your trash area“, und wenn eine Zahl dabeisteht, entsprechend viele. Ihr fräst euch also durch euer eigenes Deck, seht dabei drei Karten und dürft eine Unit davon auf die Hand nehmen.
Der Rest vom Steckbrief: Program, Tag Zetatech, Kosten 1 €$, RAM 2 in Rot, Rarität Common, Nummer 027 im Set Welcome to Night City. Illustriert hat sie Fabrizio De Tommaso, der schon Cover für die Cyberpunk-Comics gemalt hat. Zwei Hände, die sich im Straßenmüll aneinander festhalten, ein verchromter Unterarm, Blut, rot lackierte Fingernägel, daneben ein Pappbecher und eine zerdrückte Dose. Kein Gesicht, keine wiedererkennbare Szene aus dem Videospiel. Bei dem Kartennamen passt genau das.
Der Müllberg ist ein Lager
Auf der Gen Con hat WeirdCo vor ein paar Tagen The Relic: Experimental Biochip enthüllt. Deren Text ist der Grund, warum ich bei All is Lost hängen geblieben bin:
{Defeated} Play another Unit with cost 9 or less from your trash for free. Then, bottom-deck this Unit.
Ein Gear für fünf Eddies, Rarität Epic. Stirbt die damit ausgerüstete Unit, holt ihr euch gratis eine Unit bis Kosten 9 aus dem Trash aufs Feld. Und wie kriegt man einen 9er-Brocken möglichst früh in den Trash, ohne ihn vorher teuer bezahlt zu haben? Genau.
All is Lost ist der Zubringer. Ein Eddie, drei Karten fallen um, im guten Fall liegt danach etwas Fettes im Müll und eine zweite Unit landet obendrein auf eurer Hand. Diese Verbindung muss einem niemand erklären, die sieht man beim Lesen.
Dazu kommt Live with the Aftermath, ebenfalls Common, drei Eddies, Regeltext: „Each player defeats one of their Units.“ Auf dem Papier symmetrisch. In einem Deck mit Trash-Auszahlung ist eure tote Unit ein Rohstoff und die des Gegners einfach nur tot. Solche stillen Asymmetrien mag ich in Kartenspielen deutlich lieber als Karten, die auf zwei Zeilen erklären, wie stark sie sind.
Was der Spaß kostet
Jetzt der Haken, und er ist echt. Das Regelwerk kennt Deck-Out, und es formuliert die Sache gnadenlos: Wer ziehen muss und kein Deck mehr hat, verliert augenblicklich, der Rivale gewinnt.
Rechnen wir das kurz durch. Ein Deck umfasst 40 bis 50 Karten, die drei Legends zählen nicht mit. Ihr startet mit sechs Karten auf der Hand (einmal Mulligan ist erlaubt) und zieht danach eine pro Zug. Die Overtime beginnt nach dem siebten Zug des letzten Spielers. Bei einem Deck an der Untergrenze seid ihr bis dahin also schon dreizehn Karten los. Drei Kopien All is Lost, mehr erlaubt der Deckbau nicht, fressen weitere neun. Über die Hälfte eures Decks ist weg, bevor die Partie überhaupt in die Verlängerung geht.
Tödlich ist das nicht, das Spiel endet vorher. Es heißt aber, dass ein Deck, das den eigenen Müllberg zur Ressource erklärt, ein hartes Zeitlimit eingebaut hat. Wer in Zug zehn immer noch nach dem Biochip sucht, spielt gegen die eigene Bibliothek statt gegen den Gegner. Karten, die eine Entscheidung erzwingen statt nur Wert abzuwerfen, sind mir lieber. Ob die Rechnung am Turniertisch aufgeht, steht auf einem völlig anderen Blatt.
Fürs Beta Event zählt vor allem die Rarität
Für alle, die im September in den Laden gehen, hängt am Wort „Common“ mehr als an jedem Regeltext. Beim Beta Event wird versiegelt gespielt: sechs Booster, drei zufällige Legends, daraus baut ihr euer Deck. Keine Sammlung, keine Vorbereitung, kein Tuning.
All is Lost ist Common, The Relic ist Epic. Im Klartext: Den Zubringer öffnet ihr regelmäßig, die Auszahlung so gut wie nie. Wer die Karte im Sealed zieht, hält also keinen Kombobaustein in der Hand, sondern ein billiges Werkzeug, um an eine Unit zu kommen und nebenbei die eigene Deckoberkante zu sortieren. Völlig brauchbar. Nur eben etwas ganz anderes als das, was die Karte im gebauten Deck später mal leisten soll.
Beim Durchklicken der Datenbank ist mir noch eine Kleinigkeit aufgefallen. Bei Cyberpsychosis steht im offiziellen Regeltext „for each if its equipped Gears“. Da ist aus einem „of“ ein „if“ geworden, und der Tippfehler hat es bis in die veröffentlichte Datenbank geschafft. Halb so wild, sicher. Bei einem Spiel, das seine kompletten Regeln über Kartentext transportiert, hätte ich trotzdem gern jemanden, der zweimal drüberliest.
Wann das Ding hier ankommt
Die Termine für den deutschsprachigen Raum haben sich nicht verschoben. Die Beta Events in den Läden laufen vom 10. bis 17. September, ausgeliefert wird über Luminous Cards aus Gera. Auf der Spiel in Essen steht das Spiel vom 22. bis 25. Oktober, und der reguläre Handelsstart ist der 6. November.
Preislich wird All is Lost hier nie ein Thema, dafür sorgt die Rarität schon. Spannender finde ich die Frage, ob im deutschsprachigen Singles-Markt überhaupt jemand die Mühe macht, Commons einzeln zu listen, bevor die ersten belastbaren Turnierlisten existieren. Meine Vermutung: eher nicht. Wer im September ein Trash-Deck bauen will, tauscht am Ladentisch oder wartet.
Heute Abend gegen 18 Uhr geht übrigens der erste Community-Reveal des Monats live, Snapquester zeigt zwei Karten. Falls WeirdCo den Trash-Faden weiterspinnen möchte, wäre das ein ziemlich guter Moment.
Mich würde interessieren, ob ihr sowas überhaupt baut. Ein Deck, das sich selbst zerlegt, um an eine einzige große Unit zu kommen, ist genau die Sorte Plan, die im Testspiel großartig aussieht und im Turnier an der eigenen Uhr scheitert. Ich bin da ehrlich noch unentschieden.
Quellen
All is Lost in der offiziellen Kartendatenbank · The Relic: Experimental Biochip · Live with the Aftermath · Offizieller Gameplay Guide (Glossar, Deck-Out, Deckbau) · Cyberpunk TCG at Gen Con 2026: All of our Exclusive Card Reveals · ScreenRant: Cyberpunk 2077: All Is Lost Officially Announced
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