Folge 18 des Cyberdeck-Podcasts ist draußen, und ausgerechnet die Frage, die hier vorgestern noch offen stand, ist damit erledigt. Im Artikel zu den Beta Events hatte ich vermutet, Bonnie and Clyde nehme im Normalfall zwei Units mit. Daneben geraten. Der echte Kartentext zieht in eine ganz andere Richtung, und dahinter steckt ein Design-Prinzip, das WeirdCo vorher nirgendwo ausbuchstabiert hat.
Cree „Kawa“ Gunning und Paweł Burza haben die Karte in der Folge vorgelesen. Drei Eddies, rotes Program, drei rote RAM, Tag: Brain Dance. Der Effekt: Besiege eine gegnerische Unit mit Power 4 oder weniger. Besiege stattdessen zwei, wenn ein Rival mindestens zwei Gigs mehr kontrolliert als du.
Der Trostpreis ist der eigentliche Preis
In dieser zweiten Zeile steckt der ganze Witz. Kein Tempo, keine Kombo, kein Farb-Commitment — belohnt wird schlicht, dass du gerade hinten liegst.
Und die Karte steht damit nicht allein. Cree hat in der Folge ausgeplaudert, dass mindestens eine Karte dieser Bauart in jeder Farbe steckt. Gelb, Blau, Grün bekommen jeweils ihre eigene Version derselben Klausel — „falls ein Rival mindestens zwei Gigs mehr kontrolliert als du“. Ein kompletter Zyklus quer durchs Farbrad also, und Rot ist bloß der Teil, den wir zuerst zu sehen kriegen.
Das liest sich für mich klar als Comeback-Karte. Hier ist der Effekt, wenn du vorne liegst — und hier ist der Effekt, wenn du hinten liegst. Ich hab den Designern gesagt: Macht mehr davon. (sinngemäß, Cree Gunning in Folge 18)
Das ist mehr als eine nette Geste. In vielen Kartenspielen entscheidet sich eine Partie irgendwann in Zug vier, und der Rest ist Abarbeiten. Eine Klausel, die genau dann schärfer wird, wenn der Abstand aufgeht, hält die Partie künstlich am Leben. Nervt das am Tisch, weil der Rückstand sich nie richtig auszahlt? Oder tut es gut, weil kein Spiel früh tot ist? Verrät kein Kartentext. Das merkt man erst nach zwanzig Partien.
Burza hat noch einen Aspekt drangehängt, den ich beim ersten Lesen glatt überflogen hatte: Power 4 oder weniger klingt nach kleinem Fisch, trifft aber genau das Profil der Blocker. Und Blocker sind in diesem Spiel die Bremse schlechthin. Wer spät im Spiel zwei davon wegräumt, macht keine Aufräumarbeit, der öffnet den Weg für den Angriff, der die Gigs zurückholt.
Sieben Prozent, choom
Jetzt der Teil, der besonders für den September interessant wird. Drei rote RAM heißt laut Cree: Du brauchst zwei rote Legends im Deck. Und im Beta-Event-Kit, das ab dem 10. September auch in Läden hierzulande über den Tisch geht, liegen drei zufällige Legends aus einem Pool von zehn. Rot sind darin genau zwei, nämlich Adam Smasher: Ender of Legends und Royce.
Wer rechnen mag: Wenn die drei wirklich gleichverteilt aus dem Zehnerpool gezogen werden, landen beide Roten in etwa jedem fünfzehnten Kit. Knapp sieben Prozent. Sollte in deinem Sealed-Pool also Bonnie and Clyde auftauchen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du sie schlicht nicht bezahlen kannst und als Ressource verkaufst.
Was ich hier ausdrücklich nicht weiß: ob in den sechs Beta-Boostern selbst noch Legends stecken können und wie WeirdCo die drei Legends tatsächlich zieht. Der Podcast sagt „random aus einem Pool von zehn“, mehr nicht. Nehmt die Zahl als Hausnummer, nicht als Regel.
Vier Karten, die fast untergegangen wären
Neben Bonnie and Clyde liefen vier weitere Reveals durch die Folge, und zwei davon sind für Deckbauer interessanter als der ganze Comeback-Zyklus.
Octant ist ein roter Sieben-Kosten-Brocken mit Power 8 und vier roten RAM. Er kostet einen Eddie weniger für jeden eigenen Gig mit Wert 8 oder höher, minimal aber immer einen. Cree hält die Karte für sauber austariert, weil das Hochwürfeln der Gigs früh im Spiel kaum klappt. Spät dagegen schon, und dann steht da im Zweifel eine 8er-Power für vier oder drei Eddies. Nebenbei bestätigt die Karte, dass der Drone-Tag mechanisch etwas tut: Take Control zieht eine Karte nach, wenn eine der angreifenden Units eine Drohne war.
Japantown Jonin dagegen ist der Sonderling. Zwei Eddies, rot, Tiger Claws, und Power 0. Beim Ausspielen gibt er einer eigenen Unit +2 Power bis Zugende, wobei „eine eigene Unit“ laut Cree ausdrücklich auch er selbst sein darf. Klingt nach nichts, ist aber der Knopf, der eine 8er-Unit auf die magische 10 schiebt (ab da klaut man zwei Gigs statt einem). Burza hat in den Demo-Runden beobachtet, dass Gegner Null-Power-Units gern durchwinken. Und genau die stapelt man dann mit Gear voll.
The Heist ist ein gelbes Zwei-Kosten-Program mit zwei gelben RAM: Trash 4, nimm ein Gear davon auf die Hand, und falls dessen Kosten dem Wert eines eigenen Gigs entsprechen, spiel es stattdessen sofort umsonst. Erste Karte, bei der Würfelwerte nicht bloß Punktestand sind, sondern eine Suchbedingung. Wer sein Deck auf Ein- und Zwei-Kosten-Gear trimmt, trifft öfter; wer auf die teuren Sachen zielt, trifft seltener, dafür härter.
Adrenaline hatte bloß niemanden zum Verteilen
Die vierte Karte ist Valentino Street Racer, grün, drei Eddies, Power 3: Beim Ausspielen bekommt eine andere eigene Unit mit Kosten 5 oder weniger Adrenaline bis Zugende.
Damit schließt sich ein Kreis, der seit Anfang Juni offen war. Als das Keyword in Folge 11 debütierte, gab es exakt eine Karte damit, Riding Nomad, ebenfalls grün. Die offene Frage lautete, ob Adrenaline je eine eigene Identität kriegt oder generisches Beiwerk bleibt. Antwort, zumindest vorläufig: Es bleibt grün, und es wird verteilbar. Ein Keyword, das man auf andere Karten legen kann, ist mechanisch etwas ganz anderes als eins, das nur auf sich selbst wirkt. Damit lässt sich bauen.
Cree hat beim Japantown Jonin außerdem einen Halbsatz fallen lassen, den man mitnehmen sollte: Eine Null-Power-Unit will sich selbst buffen, wenn sie irgendwie doch noch angreifen kann. Rot plus grün, Jonin plus Street Racer — ihr seht, wohin das läuft.
Was bis zur Gen Con noch kippt
Set eins umfasst 140 Karten, sagt Cree, und ungefähr ein Monat Reveal-Season steht noch an, bevor die Kickstarter-Pakete in der ersten September-Woche rausgehen. Zwei Legends aus dem Beta-Pool sind bis heute ohne Effekt unterwegs: Jackie Welles: Mama’s Favorite und Judy Álvarez: Brain Dance Maestro. Beide sollen noch im Juli fallen, Judy laut Cree vor der Gen Con.
Die Messe selbst läuft vom 30. Juli bis 2. August in Indianapolis, und dort gibt es exklusive Reveals, zeitgleich allerdings auch in der nächsten Podcast-Folge. Für alle hier auf dieser Seite des Atlantiks ist das die brauchbare Nachricht des Tages: Ihr müsst nicht auf Con-Fotos aus Twitter-Threads warten. Vorher will WeirdCo noch einen Artikel nachschieben, der auflistet, wo die zusätzlichen Reveals überhaupt auftauchen. Teile davon gehen offenbar an Community-Leute statt an die offiziellen Kanäle, Burza hat durchblicken lassen, dass er selbst eine Karte in der Tasche hat.
Mich beschäftigt gerade vor allem der Comeback-Zyklus. Wenn jede Farbe so eine Karte kriegt, was macht Blau daraus? Rot räumt kleine Units weg, das passt ins Bild. Blau reduziert aber Power, Gelb baut um, Grün macht Wert-Paare. Vier Farben, vier völlig verschiedene Antworten auf „du liegst zwei Gigs hinten“ — falls WeirdCo das sauber hinbekommt, ist das der interessanteste Design-Griff, den das Set bisher gezeigt hat. Was tippt ihr, was Blau bekommt?
Quellen: Cyberdeck Podcast Episode 18 — „BETA Event Kit Revealed“ (offizieller Cyberpunk-TCG-Kanal) · Cyberpunk TCG Beta Event Guide (cyberpunktcg.com) · Convention- und Event-Übersicht (cyberpunktcg.com)
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Said Benadjemia – online als „Kenearos“. Cyberpunk-Fan seit dem ersten Trailer 2012, Night-City-Legend-Backer der Cyberpunk-TCG-Kickstarter-Kampagne 2026. Schreibt hier auf Deutsch alles rund ums Cyberpunk Trading Card Game von WeirdCo und CD Projekt Red – Kickstarter-News, Deep Dives zu Mechanik und Lore, Charakterguides, Strategieartikel.





