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MITTWOCH · 12.08.2026
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Cyberpunk TCG auf Cardmarket: zwei Monate ohne Retail

Cyberpunk TCG kommt zu Cardmarket – Keyart der Ankündigung
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Mittwochabend, 18:00 Uhr. Cardmarket haut den Cyberpunk-TCG-Launch raus, und alle nicken brav. „First weeks of September“, steht da. Klingt nach dem üblichen Tanz: Publisher liefert, Distributor füllt Lager, Marktplatz geht online, alle verdienen mit. Diesmal läuft es anders.

Was Cardmarket da als Launch ankündigt, ist der Startschuss für einen Sekundärmarkt in einer Angebotslücke, wie sie die Branche seit Lorcana nicht mehr gesehen hat. Anfang September, parallel zur ersten Kickstarter-Auslieferungswelle, existiert im europäischen Handel genau null reguläre Ware. Keine Booster-Displays. Keine Retail-Starter. Nur Kickstarter-Produkte mit Beta-Symbol, mit exklusiven Art-Varianten und mit fünf mechanisch einzigartigen Karten pro Starter-Deck, die es im Retail nie geben wird. Der reguläre Handel bekommt seine Ware erst Wochen später. Und alle Beteiligten wissen das.

Wie wir hierher kamen: fünf Monate Sekundärmarkt-Frage

Für alle, die später eingestiegen sind, der Schnelldurchlauf. Ende März, mitten in der Kampagne, stand der Kickstarter bei 13 Millionen Dollar, und wir stellten die Frage, die damals niemand beantworten konnte: Wo sollen all diese Karten eigentlich gehandelt werden? Kein Marktplatz führte das Spiel, keiner hatte sich erklärt. Mitte April endete die Kampagne bei knapp 27 Millionen, und die Frage wurde dringlicher. Im Juni dann das erste Lebenszeichen: Cardmarket befragte seine Verkäuferschaft zu drei nicht gelisteten Spielen, Cyberpunk darunter. Anfang August legte WeirdCo mit dem Availability-Blogpost die eigene Auflagen-Doktrin offen. Und jetzt, fünf Tage später, beantwortet Europas größter TCG-Marktplatz die Frage höchstpersönlich: mit Datum, Spoilerkarten und eigenen Social-Kanälen.

Fünf Monate von „kein Marktplatz in Sicht“ zu „full support“. Jeder Schritt kam dabei von der Plattform- oder Publisher-Seite, keiner aus der Not. Um seine Listung betteln musste dieses TCG nie. Hier kommt der Marktplatz zum Spiel, bevor das Spiel im Handel überhaupt existiert. Genau daraus entsteht die Situation, die den Rest dieses Artikels füllt.

Announcement-Dekonstruktion: gesagt und gemeint

Nehmen wir die Ankündigung auseinander. Die deutsche News-Meldung sagt: „Die ersten Produkte werden bereits im nächsten Monat ausgeliefert, und wir planen, das Spiel kurz darauf Anfang September auf Cardmarket verfügbar zu machen.“ Und weiter: „Das bedeutet Einzelkarten, Sealed-Produkte und alles dazwischen.“ Der Insight-Artikel bestätigt den Vollausbau: „boosters, boxes, starter decks, and all of its singles“. Also das komplette Programm ab Tag eins, kein Soft-Launch mit Teilkatalog. Beim Zeitpunkt wird der englische Text konkreter: Der Katalog öffnet für alle „right around the time of the game’s full launch in the first weeks of September“. Da steht „full launch“, und dieses Wort trägt schwer. Denn was Anfang September tatsächlich passiert, ist der Beginn der Kickstarter-Auslieferung, nicht der Marktstart im Handel. WeirdCo selbst formuliert es im eigenen Blogpost zum Deal präziser: „Cardmarket support for Cyberpunk TCG will begin following our first wave of Kickstarter fulfillment in September.“

Die Timeline dahinter stammt aus WeirdCos Production Diary vom 19. Juni: Backer-Auslieferung ab etwa 1. September mit zweiwöchigem Lieferfenster, Beta-Events in Stores vom 10. bis 17. September, Retail-Prerelease am Wochenende des 30. Oktober, voller Retail-Release am 6. November. Shops im DACH-Raum listen Vorbestellungen fürs Booster-Display, mehrere davon mit Liefertermin 15. Oktober; nach unseren Informationen bekommt der Distributor Luminous Cards die Ware am 14. Oktober ins Lager. Wie man es auch rechnet: Zwischen dem Cardmarket-Start Anfang September und flächendeckender Retail-Verfügbarkeit liegen rund zwei Monate. Zwei Monate, in denen Cardmarket der einzige Ort in Europa ist, an dem Cyberpunk-Karten in nennenswerter Stückzahl den Besitzer wechseln, und zwar ausschließlich Kickstarter-Ware.

Cardmarket verlässt damit sein bisheriges Drehbuch. One Piece kam im Januar 2023 auf die Plattform, als die Ware im Handel physisch existierte, wenn auch knapp. Lorcana folgte am 1. September 2023 zum breiten Marktstart; die US-Läden verkauften da bereits seit Mitte August. Star Wars Unlimited wurde im Februar 2024 elf Tage vor dem Release gelistet, die Retail-Lieferkette stand. Riftbound bekam 2025 sechs Wochen Pro-Seller-Vorlauf und öffentliche Preorders fünf Wochen vor Release. Cyberpunk ist der erste Fall, in dem Cardmarket während der Kickstarter-Fulfillment-Phase startet, Monate bevor der Handel überhaupt liefern kann.

Die zwei Spoilerkarten

Zwei Karten, exklusiv für Cardmarket gespoilert. In den Announcement-Artikeln der geprüften Neuaufnahmen (Riftbound, Gundam, One Piece, Lorcana, Star Wars Unlimited) gab es so etwas bisher nicht.

Gunpoint Diplomacy, der Insight-Exklusivspoiler

Program, 4 €$, 3 RAM, Rot, Ganger/Plan. Der Kartentext, wörtlich vom Kartenbild: „Give a friendly Unit these effects. If you have less ★ (Street Cred) than a Rival, they instead choose one effect for you. – The next time this Unit attacks this turn, it may attack ready Units. – Give this Unit +3 power this turn.“ Illustriert von Rafael de Latorre, Sammlernummer MS01-WNC [A] 032. Heißt: Normalerweise bekommt deine Unit beide Effekte, nur wer bei Street Cred hinter einem Rivalen liegt, muss sich vom Gegner einen der beiden aussuchen lassen. Ein Tempo-Werkzeug mit eingebauter Bremse für den, der hinten liegt, kein plumpes Win-More. Cardmarket Insight ordnet die Karte als Signature-Play für rote Decks ein („specifically designed for Red decks due to its 3 RAM“), spielbar zu jedem Zeitpunkt des eigenen Zugs, und nennt als Synergie-Beispiele Johnny Silverhand („Never Stop Fighting“), Yorinobu Arasaka („Steel Dragon“) und die 6th Street Recruits. Das „zu jedem Zeitpunkt“ ist der Teil, den Spieler zweimal lesen sollten. Ein Kampftrick, der Angriffe auf bereitstehende Units erlaubt, verändert jede Kalkulation des Gegners, sobald du vier Eddies offen liegen hast. Und die Street-Cred-Klausel macht daraus ein Belohnungssystem für den, der die Gig-Ökonomie im Griff hat; wer hinten liegt, spielt die Karte mit gegnerischem Veto. Die Seltenheit? Nicht kommuniziert und ohne Set-Dokumentation nicht auflösbar.

Trauma Team Operatives, der Spoiler für die Social-Kanäle

Unit, 6 €$, 7 Power, 2 RAM, Medtech/Trauma Team. Kartentext: „Play this Unit for -1 €$ for each Unit in your trash, to a minimum of 1 €$.“ Illustriert von Michal Ivan, Sammlernummer MS01-WNC [A] 056, enthüllt auf Cardmarkets neuen Cyberpunk-Social-Kanälen. Cardmarket selbst kommentiert den Reveal auf Bluesky so: „This is a huge card that discounts itself in the late game. We will for sure play it… Will you?“ Die Rechnung ist simpel: Je voller der eigene Trash, desto billiger die 7 Power, im Midgame wird daraus schnell eine 2-3-€$-Unit weit über Kurve. Und der Insight-Artikel schiebt eine erstaunlich offene Warnung hinterher: „Our experience with other games tells us to watch out for open-ended cost-reduction effects.“ Da spricht ein Marktplatz, der bei anderen Spielen gesehen hat, was offene Kostenreduktion mit Metagames und mit Kartenpreisen anstellt. Medtech/Trauma Team als Typen-Kombination deutet auf Strategien, die Units tauschen und Wert aus dem Trash ziehen. Auch hier: Seltenheit offen.

Die beiden Cardmarket-Spoiler fügen sich dabei in eine laufende Reveal-Saison. WeirdCo enthüllt auf den eigenen Kanälen seit Wochen im Tagesrhythmus Karten, am Montag etwa Adam Smasher („Metal Over Meat“, angekündigt als Kickstarter Iconic Rare, illustriert von Toni Infante), am Dienstag die Maelstrom Goons. Dass zwei Reveals aus dieser Kadenz exklusiv an den Marktplatz gehen, statt über die eigenen Kanäle zu laufen, ist eine bewusste Zuteilung von Aufmerksamkeit. Spoiler sind die Währung, in der TCG-Publisher Reichweite bezahlen.

Beide Karten signalisieren zudem, wie eng Publisher und Marktplatz diesen Start abgestimmt haben. WeirdCo hat die Nachricht zeitgleich über den eigenen Blog und die Socials gespielt, der Bluesky-Crosspost kam zehn Minuten nach der Cardmarket-Meldung, und der WeirdCo-Blogpost enthält ein exklusives Zitat von Cardmarkets Head of Games Management. So etwas schreibt man nicht in zehn Minuten, das wird vorab gemeinsam vorbereitet. Cardmarket hat dazu vier dedizierte Cyberpunk-Kanäle aufgebaut (Bluesky, Instagram, X, Facebook; der Bluesky-Account wurde laut Profildaten schon am 3. August angelegt) und teasert im Insight-Artikel bereits ein Giveaway nach dem Launch an. Gundam, am Montag angekündigt, bekam nichts davon: keine Spoiler, keine eigenen Kanäle, kein Publisher-Blogpost.

Der Montag-Kontext: Gundam als Vorprogramm, Cyberpunk als Hauptakt

Montag, 10. August, 14:00 Uhr. Cardmarket kündigt das Gundam Card Game an, Launch Ende September, Pro-Seller bekommen „schon etwas früher Zugang“. Die Begründung fährt zweigleisig: Über alle Kanäle habe man wohl kein TCG häufiger gewünscht gesehen als Gundam („probably seen one TCG requested more than any other“), und auch in der jüngsten Verkäufer-Umfrage sei es „a popular request“ gewesen. Zwei Tage später folgt Cyberpunk, und die Meldung beginnt mit einem Augenzwinkern: „Whoa, Chooms! Am Montag waren wir wohl etwas voreilig.“ Auffällig: Cyberpunk launcht vor Gundam, Anfang statt Ende September, obwohl Cardmarket Gundam über die eigenen Kanäle hinweg als das am lautesten geforderte Spiel beschreibt. Und die Cyberpunk-Begründung zitiert gar nicht erst die Umfrage, sondern die „Begeisterung und Unterstützung während des Crowdfundings“.

Die Vorgeschichte dazu lohnt einen Schritt zurück. Noch am 4. Mai klang Cardmarket öffentlich zurückhaltend: Man könne „noch nicht sagen“, wann neue Spiele dazukommen, aber ein Team arbeite daran. Sechs Wochen später, am 15. Juni, startete die anonyme Verkäufer-Umfrage zu noch nicht gelisteten Spielen, wir haben damals berichtet; die Umfrage-URL verriet die drei Kandidaten schon im Klartext: Cyberpunk, Naruto, Gundam. Veröffentlichte Ergebnisse gibt es bis heute nicht. Aber knapp zwei Monate nach der Umfrage sind zwei der drei Kandidaten angekündigt, im Abstand von 48 Stunden. Wer mag, kann daraus ablesen, wie schnell aus „wir haben ein Team, das daran arbeitet“ ein fertiger Onboarding-Prozess wird, wenn die Umfrage-Daten stimmen. Und der dritte Kandidat? Naruto ist der einzige, zu dem Cardmarket bislang schweigt.

Die Reihenfolge der beiden Launches spricht dabei eine klare Sprache. Der 28-Millionen-Dollar-Kickstarter mit seinen 50.773 Backern ist für Cardmarket das größere Versprechen: mehr Traffic, mehr potenzielle Verkäufer, mehr Provisionen. Gundam hat Bandai im Rücken, solide und planbar, aber eben auch ein Spiel, dessen Karten längst im Handel zirkulieren. Cyberpunk bringt einen Markt mit, der noch gar nicht existiert und auf seiner Plattform geboren wird. Cardmarket folgt dem Geld. Kann man ihnen nicht mal verdenken.

Der Kickstarter-Zähler, der einfach weiterläuft

Cardmarket Insight begründet die Aufnahme mit „more than $28 million“ und einem „new all-time record for a game on Kickstarter“. Wer unsere Berichterstattung verfolgt, stutzt kurz: Zum Kampagnenende am 17. April dokumentierten wir $26,95 Millionen bei 47.676 Backern. Heute zeigt dieselbe Kickstarter-Seite $28.353.088 bei 50.773 Backern. Beides stimmt. Kickstarter führt den Zähler über Late Pledges weiter: Wer die Kampagne verpasst hat, kann nachträglich einsteigen, und das Geld läuft in dieselbe Anzeige. Seit Kampagnenschluss sind so noch einmal rund 1,4 Millionen Dollar und gut 3.000 Backer dazugekommen.

Für die Rekord-Rhetorik ist das egal, der bisherige TCG-Spitzenreiter Sorcery: Contested Realm (2022, gut 4 Millionen US-Dollar) ist so oder so um Längen geschlagen. Zur Erinnerung, wie dieser Rekord zustande kam: Das Finanzierungsziel lag bei bescheidenen 100.000 Dollar und fiel laut WeirdCo in den ersten fünf Minuten; am Ende standen nach 31 Tagen fast 27 Millionen. Selbst der Lizenzgeber staunte öffentlich. CD Projekts Joint-CEO Michał Nowakowski nannte die Kampagne im Q1-Earnings-Call „the biggest gaming project ever on the platform“ und das drittgrößte Kickstarter-Projekt aller Kategorien überhaupt. Wohlgemerkt: nicht das größte TCG-Crowdfunding, das größte Gaming-Projekt der Plattform-Geschichte. Vor Investoren erzählt man so etwas nicht aus Bescheidenheit.

Für den Sekundärmarkt ist die Zahl aber aus einem anderen Grund interessant: 50.773 Backer sind die theoretische Verkäuferbasis, aus der sich Cardmarkets Cyberpunk-Katalog im September speisen muss. Theoretisch deshalb, weil im September nur ein Teil von ihnen überhaupt Ware hat, dazu gleich mehr. Und die Late-Pledge-Kurve hat noch eine zweite Botschaft: Gut 3.000 Menschen sind eingestiegen, nachdem die Kampagne vorbei war, im Schnitt also lange nach dem Hype-Peak vom März. Die Nachfrage ist nicht mit dem Kampagnen-Timer gestorben. Genau diese Nachzügler, die zu spät kamen und trotzdem Geld auf den Tisch legten, sind die Käuferschicht, die im September auf Cardmarket auf das erste handelbare Angebot trifft.

Cardmarkets Neueinführungs-Playbook, diesmal enger getaktet

Cardmarket beschreibt den Pro-Seller-Vorlauf im Insight-Artikel selbst als Routine: „As usual, we plan to open the catalog up to professional sellers a few days before to ensure plenty product is already listed for sale upon release.“ Die deutsche Meldung datiert den Zugang auf „diesen Monat“, also noch in den August. Das Verfahren ist etabliert, neu ist die Taktung. Riftbound bekam 2025 rund sechs Wochen Pro-Seller-Vorlauf und öffentliche Preorders ab dem 26. September für den Release am 31. Oktober. Bei Cyberpunk ist keine öffentliche Preorder-Phase angekündigt, und zwischen Seller-Zugang und Public-Launch liegen nach Cardmarkets eigener Beschreibung nur Tage.

Der Grund steht bei WeirdCo: „Cardmarket support for Cyberpunk TCG will begin following our first wave of Kickstarter fulfillment in September.“ Der Marktplatz-Start hängt am Fulfillment-Start, nicht an einem eigenen Onboarding-Fahrplan. Konsequent ist das schon, denn vor dem 1. September gibt es schlicht nichts zu listen, weil niemand außerhalb von WeirdCo Ware besitzt. Es verdichtet aber auch alles auf ein enges Fenster: Pakete kommen an, Katalog öffnet, Preise entstehen, alles im selben Monat.

Das Angebots-Loch: Warum September anders ist

Leg die Timelines nebeneinander, dann wird es deutlich.

1. September: Kickstarter-Fulfillment startet. Wave 1 mit Express-Versand gilt laut WeirdCo-FAQ „from the Netrunner Starter Kit pledge tier and above“, die höheren Stufen zuerst. WeirdCo peilt ein zweiwöchiges Lieferfenster an.

Anfang September: Cardmarket-Launch. Katalog öffnet für alle, Pro-Seller ein paar Tage früher.

10.–17. September: Beta-Events in Stores, laut Production Diary die erste Gelegenheit, das Spiel organisiert im Laden zu spielen, noch vor jedem Retail-Produkt. Gespielt wird zwangsläufig mit Kickstarter-Ware.

14./15. Oktober: Retail-Ware erreicht nach unseren Informationen den DE-Distributor Luminous Cards; mehrere Shops im DACH-Raum nennen den 15. Oktober als Liefertermin für Vorbesteller, einzelne den 31. Oktober.

30. Oktober: Retail-Prerelease-Events.

6. November: Voller Retail-Release.

Rund zwei Monate zwischen Cardmarket-Start und flächendeckender Retail-Verfügbarkeit. Zwei Monate, in denen das Angebot auf Cardmarket ausschließlich aus Kickstarter-Wave-1-Ware besteht. Wie viele der 50.773 Backer im Express-Fenster liegen, verrät WeirdCo nicht; jede konkrete Zahl dazu wäre geraten. Klar ist nur die Richtung: Es ist ein Bruchteil, und nur der europäische Teil davon ist für Cardmarket überhaupt relevant. Das Angebot wird dünn.

Was im September auf Cardmarket liegt (und was nicht)

Auf der Angebotsseite: die beiden Kickstarter-Starter-Decks „The Heist“ und „Embracing Power“, jeweils mit Beta-Symbol und, so die WeirdCo-FAQ wörtlich, „5 mechanically unique cards exclusive to their respective product“. Macht zusammen zehn Karten, die es nur in diesen beiden Produkten gibt. Dazu Beta-Booster-Displays aus der Kickstarter-Produktion und Art-Varianten, die exklusiv im Kickstarter-Beta-Produkt stecken: „Starter decks and booster boxes from Kickstarter will have a Beta symbol, unlike retail products after Kickstarter. They will also contain art variants of cards that are exclusive to the Kickstarter Beta product.“

Was im September nicht auf Cardmarket liegt: Retail-Displays (24 Packs à 12 Karten, MSRP $119.90) mit ihren beworbenen Alt-Art Iconic Rares als Chase. Retail-Starter (MSRP $29.99). Und, das überrascht viele, auch die Nova-Rare-Promos. Die heißen laut FAQ Rebecca, Lucy und David, und sie verschicken sich erst „in Q4 along with all of the other accessories“. Im September hält die also niemand in den Händen, auch kein Wave-1-Backer. Die Nova Rare Rebecca hing als 10-Millionen-Dollar-Stretch-Goal am Common-Cyberdecks-Tier; wie breit sie damit gestreut ist, hängt an Tier-Zahlen, die WeirdCo nicht veröffentlicht hat.

Wichtig fürs Verständnis der Zweiklassigkeit: Kickstarter- und Retail-Starter sind dieselben beiden Decks. Die offiziellen Produktbeschreibungen nennen für beide Versionen dieselben Legends, „The Heist“ führt V, Jackie Welles und Viktor Vektor ins Feld, „Embracing Power“ die Arasaka-Seite um Saburo, Yorinobu und Goro Takemura. Als Unterschiede zwischen den Auflagen nennt die FAQ ausschließlich das Beta-Symbol, die exklusiven Art-Varianten und die fünf einzigartigen Karten pro Deck. Ob die Pull-Raten der Beta-Booster von denen der Retail-Displays abweichen, ist offiziell nicht dokumentiert; belegt ist nur, dass Retail mit Alt-Art Iconic Rares als eigenem Chase-Slot beworben wird.

Wer die beiden Produktwelten nebeneinanderlegen will: Ein Retail-Starter kostet $29.99 MSRP und enthält laut Produktbeschreibung ein spielfertiges 40-Karten-Deck plus drei Legends und sechs Würfel; Händler-Listings nennen zusätzlich Playmat, Guidebook und Tip-Cards. Das Retail-Display kommt mit 24 Packs à 12 Karten für $119.90 MSRP. Die Kickstarter-Pendants sehen auf dem Tisch fast identisch aus, gleiche Decks, gleiche Kartenpools, und sind doch für Sammler eine andere Spezies: Beta-Symbol auf den Karten, Art-Varianten, die es im Handel nicht gibt, und eben jene fünf Karten pro Starter, die nirgendwo sonst existieren. Dasselbe Spiel in zwei Auflagen, von denen eine für immer gedeckelt ist. Im September handelt Cardmarket ausschließlich die gedeckelte.

Wer im September verkaufen kann

Pro-Seller mit Early Access: Sie bekommen Katalog-Zugang ein paar Tage vor dem öffentlichen Start. Aber sie können nur listen, was sie physisch haben. Die meisten europäischen Pro-Seller beziehen über Distributoren, und Luminous liefert erst Mitte Oktober. Wer im September als Profi listen will, muss selbst gebackt haben oder Ware von Backern aufkaufen.

Wave-1-Backer (Netrunner Starter Kit aufwärts): Sie sind ab Anfang September die einzige Quelle. Sie können als Privatverkäufer listen oder an Profis verkaufen. Die Preise setzen die ersten, die listen, denn für die zehn mechanisch einzigartigen Starter-Karten und die Beta-Art-Varianten gibt es keine UVP und keine Preishistorie. WeirdCo hat in der Reddit-AMA im März zwar MSRPs angekündigt („We will have MSRPs … in line with other products in the industry“, dokumentiert über ein Community-Portal), aber die gelten für Retail-Produkte, nicht für Kickstarter-Exklusives.

Wave-2-Backer: Ihre Sendung kommt im Q4, und zwar auch bei hohen Stufen, denn Zubehör, Beta Box, Nova Rares und die Lucy-Karten liegen laut FAQ generell in der zweiten Welle. Die Wellen-Logik folgt also nicht der Tier-Hierarchie, sondern den Produkten: Q3 bringt das Spielbare (Starter, Displays), Q4 das Sammelbare (Promos, Accessoires, Beta Box). Für den September-Markt sind diese Backer jedenfalls Käufer, nicht Verkäufer.

Händler mit Luminous-Zugang: Bekommen Retail-Ware Mitte Oktober und können ab dann listen, in einen Markt, dessen Preisgefüge sich sechs Wochen lang ohne sie gebildet hat.

Preisfindung ohne Referenz: Das Vakuum

Ein Beta-Display gegen ein Retail-Display: Was ist mehr wert? Sammler zahlen für Beta-Symbol und Exklusivität, Spieler wollen ab November Alt-Art-Chases und UVP-Ware. Im September existiert nur die erste Kategorie. Die Preise werden sich an der Knappheit der Kickstarter-Ware orientieren, nicht an der UVP von Produkten, die es noch gar nicht zu kaufen gibt.

Dazu kommt eine Eigenheit, die Cardmarket-Stammkunden kennen: Die Plattform lebt von ihrem Preisguide, von Durchschnittspreisen, Trends, Verkaufshistorie. All das speist sich aus vergangenen Transaktionen. Ein frisch geöffneter Katalog hat nichts davon. Keine Trendlinie, kein „ab“-Preis mit Substanz, keine dreißig Verkäufe, aus denen sich ein Mittel bilden ließe. Die ersten Wochen lang ist jeder angezeigte Preis exakt das, was ein einzelner Verkäufer sich wünscht, und jeder Kauf ein Datenpunkt, an dem sich der nächste orientiert. Ankereffekte in Reinkultur. Wer in dieser Phase kauft, handelt nicht auf einem Markt, sondern verhandelt mit einer Erwartung.

Die zehn mechanisch einzigartigen Starter-Karten sind dabei der spannendste Fall: Jede existiert nur in einem der beiden Decks. Wer eine spezifische davon fürs eigene Deck braucht, kauft das komplette KS-Deck oder die Single auf Cardmarket, von einem Wave-1-Backer. Im Retail gibt es sie nie. Das ist konzentrierte Nachfrage auf einem Angebot, das sich in Stückzahlen pro Woche messen lassen dürfte.

Wie so etwas ausgeht, hat Lorcana vorgemacht. Die Enchanted-Elsa ging in der ersten Septemberwoche 2023 für über 1.000 Dollar über den US-Tisch, dokumentiert ist ein Verkauf bei $1.099,99 am 4. September, drei Tage nach dem breiten Marktstart. Und die Karte hat ihren Wert gehalten; aktuelle Preisführer listen Top-Grades weit über dem damaligen Peak. Der Unterschied: Lorcana hatte Retail-Nachschub in Sicht, Ravensburger druckte den First Chapter nach. Cyberpunk hat zwei Monate gar nichts, und danach kommt Retail-Ware, die die KS-Exklusives ausdrücklich nicht enthält.

Präzedenzfälle: Was Lorcana, SWU, Riftbound lehren

Lorcana (September 2023): Launch-Day-Listing in der Knappheit

Cardmarket-Start am 1. September 2023, dem Tag des breiten Marktstarts von „The First Chapter“. Die US-Fachhändler verkauften bereits seit Mitte August, und die Knappheit war da längst Realität. Wer den Herbst 2023 miterlebt hat, erinnert sich: leergekaufte Regale, Kauflimits, und ein Sekundärmarkt, der binnen Tagen explodierte, siehe Elsa. Ravensburger zog die Notbremse und kündigte Nachdrucke an. Die kamen in Nordamerika noch vor den Feiertagen 2023, in Europa ab Januar 2024; die Preise normalisierten sich, aber nicht auf UVP-Niveau. Die Erstauflage blieb Sammlerobjekt. Die Lektion: Listing in Knappheit erzeugt Preisspitzen, und Nachdrucke dämpfen sie nur teilweise. Cyberpunk verschärft das Setup noch, denn WeirdCos erklärte Policy ist „we will not reprint the same set or configuration again“. Für die Kickstarter-Konfiguration gibt es die Ravensburger-Option gar nicht. Was bei Lorcana ein vorübergehender Engpass war, ist bei Cyberpunks Beta-Ware Dauerzustand per Design.

Star Wars Unlimited (Februar 2024): Elf Tage Vorlauf, leergefegte Regale

Cardmarket listete Spark of Rebellion elf Tage vor dem Launch am 8. März 2024. Trotz stehender Retail-Lieferkette war die Verfügbarkeit wochenlang das beherrschende Thema; Fantasy Flight musste öffentlich Stellung zu Nachschub-Problemen nehmen. Selbst mit Retail-Kette im Rücken frisst echte Nachfrage also jede Erstauflage. Cyberpunk startet ohne diese Kette.

Riftbound (Oktober 2025): Sechs Wochen Vorlauf, Markt ab Tag eins

Das Kontrastprogramm, und das jüngste: Riot Games‘ TCG kam im August 2025 mit langem Anlauf auf die Plattform. „Professional sellers will be able to list products around six weeks before launch“, schrieb Cardmarket damals, dazu öffentliche Preorders ab dem 26. September für den Release am 31. Oktober. Den Preorder-Start kündigte Cardmarket sogar in einer eigenen News-Meldung an. Sechs Wochen lang konnten Profis den Katalog befüllen, Preise justieren, Nachfrage abschätzen. Am Release-Tag liefen die Vorbestellungen aus, und der Handel stand allen Nutzern offen. Vorlaufzeit korreliert eben mit Marktqualität zum Start. Cyberpunk bekommt statt sechs Wochen ein paar Tage, der Markt startet nackt.

One Piece (Januar 2023): Listing, während der Distributor leerläuft

Cardmarket nahm One Piece am 23. Januar 2023 auf, als die Ware beim Distributor Blackfire bereits knapp wurde. Kaufen und Verkaufen ging ab Tag eins, aber die Knappheit trieb die Preise. Cardmarket listet also, sobald Ware existiert; ist sie knapp, wird der Marktplatz zum Preistreiber. Cyberpunk geht einen Schritt weiter: Das Listing kommt, bevor Handelsware überhaupt existiert.

Das Muster

Alle vier Fälle zeigen dieselbe Mechanik aus zwei Variablen: Wie knapp ist die Ware zum Listing-Zeitpunkt, und wie viel Vorlauf hat der Katalog? Cyberpunk kombiniert die extremste Ausprägung beider, Listing vor Retail-Existenz und minimaler Vorlauf, mit einer dritten, die keiner der Vorgänger hatte: Kickstarter-Exklusivität ohne jede Nachdruck-Option. Wenn die Präzedenzfälle irgendetwas taugen, wird der September teuer, illiquide und volatil. Ein Experiment am offenen Markt, und wir sitzen alle in der ersten Reihe.

WeirdCos Strategie: Controlled Scarcity mit Ansage

Der Blogpost vom 7. August: Availability vs. Collectibility

Fünf Tage vor dem Cardmarket-Announcement veröffentlichte WeirdCo einen Developer-Blogpost, der offenlegt, wie das Studio über Auflagen und Sekundärmarktpreise denkt. Die Print Runs sollen „tightly align with market demand“, dann folgt der Kernsatz: „after that’s done, we will not reprint the same set or configuration again.“ Gefragte Einzelkarten will WeirdCo stattdessen gezielt über Supplement-Produkte, Promos und Organized-Play-Preise nachdrucken. Und das Studio benennt das Risiko selbst: „Leaning too far into collectibility can cause secondary market prices to become so high that the game becomes inaccessible.“

Das Timing, fünf Tage vor dem Marktplatz-Deal, kann Zufall sein. Ich lese es anders: Wer weiß, dass sein Sekundärmarkt in einer Phase startet, in der ausschließlich limitierte Beta-Ware zirkuliert, tut gut daran, die eigene Reprint-Philosophie vorher öffentlich zu machen. Meinung, kein Beleg; die Reihenfolge der Veröffentlichungen ist immerhin dokumentiert.

Wichtig ist die Reichweite der Policy. Der Post spricht ausdrücklich von den „print run numbers for our Welcome to Night City Beta and Retail releases“, die Nicht-Nachdruck-Zusage umfasst also beide Auflagen. Die Beta-Konfiguration mit Symbol und exklusiven Arts ist damit endgültig gedeckelt. Gleichzeitig lässt die Supplement-Klausel eine Tür offen, deren Tragweite noch niemand kennt: Wenn WeirdCo „einzelne gefragte Karten“ über Supplements nachdrucken kann, gilt das dann irgendwann auch für die mechanisch einzigartigen Starter-Karten, in anderer Aufmachung, ohne Beta-Symbol? Die FAQ nennt sie produktexklusiv. Was das für spätere Promo-Versionen heißt, ist offen. Für Sammler ist das die wichtigste unbeantwortete Frage des ganzen Systems.

Die lange Linie: „Built for Players“ seit Februar

Der August-Blogpost ist dabei kein Einzelstück, sondern der vorläufige Schlusspunkt einer Kommunikationslinie, die WeirdCo seit Monaten fährt. Schon im Februar erklärte das Studio auf der eigenen Firmenseite unter dem Titel „Built for Players“, warum es überhaupt über Kickstarter startet: „Initial release through Kickstarter guarantees us the financial and productional ability to get every day-one player or collector access to our product.“ Der Erstverkauf geht also direkt an Spieler statt über Zwischenhändler, ausdrücklich als Anti-Scalping-Argument gerahmt. Im März-AMA versprach WeirdCo dann Transparenz bei den Pull-Rates („A Kickstarter update will be released very soon discussing the size of the Kickstarter set and going into pull rates“) und kündigte MSRPs an. Im August folgte die Reprint-Doktrin. Man kann diese Linie für kluge Community-Pflege halten oder für vorsorgliche Verteidigungsrhetorik, konsistent ist sie in jedem Fall: WeirdCo weiß seit Tag eins, dass der Sekundärmarkt über Wohl und Wehe dieses Spiels mitentscheidet, und redet deshalb lieber vorher darüber als hinterher.

Zweiklassigkeit mit System

WeirdCo hat die Zweiklassigkeit nicht in Kauf genommen, sondern gebaut: Beta-Symbol auf jeder KS-Karte, Art-Varianten exklusiv im Kickstarter-Produkt, fünf mechanisch einzigartige Karten pro Starter-Deck, und zwar spielbare Karten, keine Show-Promos. Auf der Retail-Seite stehen eigene Chase-Karten (Alt-Art Iconic Rares) und angekündigte MSRPs. Zwei Produktwelten unter einer Marke, Crowdfunding-Belohnung hier, planbarer Handel dort.

Der Preis dafür: Für die KS-Exklusives existiert keine Preisreferenz. Die MSRP-Ansage aus der März-AMA („Our price per pack for retail will be similar to the Kickstarter campaign. […] We will have MSRPs … in line with other products in the industry“) deckt Retail ab, also Booster, Displays, Starter. Für die zehn einzigartigen Starter-Karten und die Beta-Varianten gibt es nichts dergleichen. Dort, und nur dort, wird Cardmarket im September zum einzigen Preisfindungsort Europas.

CDPR ist enger Partner, den Hut hat WeirdCo auf

Und der Lizenzgeber? CD Projekts Joint-CEO Michał Nowakowski feierte die Kampagne im Q1-Earnings-Call als „the biggest gaming project ever on the platform“ und das drittgrößte Kickstarter-Projekt überhaupt. Die Rollenverteilung beschrieb er auf Nachfrage so: WeirdCo seien die TCG-Spezialisten, CD Projekt unterstütze bei Lore und Community-Kommunikation, gehe aber „not really go beyond that“. Das heißt nicht, dass CDPR abwesend wäre; WeirdCo beschreibt in der AMA wöchentliche gemeinsame Meetings zu Art, Gameplay und Strategie. Aber die Geschäftsentscheidungen über Druckauflagen, Distribution und den Cardmarket-Deal liegen beim Studio aus Seattle um Mitgründer Elliot Cook und CEO Luohan Wei. Die „Controlled Scarcity“-Strategie ist eine Studio-Entscheidung, keine Konzern-Vorgabe.

Dazu passt der Fahrplan: Weitere Kickstarter wird es nicht geben, „New sets and products will land directly in local game stores.“ Set 2 peilte WeirdCo im März-AMA auf Q1 2027 an. Das Beta-Fenster von Welcome to Night City bleibt ein einmaliges Ereignis. Wer es verpasst hat, hat ab September genau einen Ort, das nachzuholen.

EU/DE-Perspektive: Luminous, Cardmarket und zwei Lieferketten

Luminous Cards: Die Retail-Schiene aus Gera

Während sich auf Cardmarket ab September die Beta-Preise bilden, wartet die Retail-Schiene noch auf Ware. Luminous Cards aus Gera ist der offizielle Distributor für neun europäische Länder: Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Ungarn, Slowakei, Tschechien. Frankreich sowie den frankophonen Teil Belgiens, Luxemburgs und der Schweiz bedient Neoludis. Ein Detail am Rande, das wir schon im April notiert hatten: Luminous wurde erst Ende 2024 gegründet, und Geschäftsführer Dennis-Thomas Viert steht auch hinter der TCGViert GmbH und dem Cardmarket-Shop PokeViert. Der Retail-Distributor kennt den Marktplatz, gegen dessen September-Preise seine Ware im Oktober antreten muss, also aus der Verkäuferperspektive, aus erster Hand. Shops im DACH-Raum listen das Booster-Display als Vorbestellung, die Preise liegen je nach Anbieter zwischen 95,90 € (Österreich) und 119,95 €. Zur Einordnung: Die US-MSRP der Retail-Box liegt bei $119.90.

Die Allocation-Frage ist dabei seit Monaten entschieden. WeirdCo garantierte Händlern, die bis zum 1. Mai 2026 über einen autorisierten Distributor bestellt hatten, ihre Zuteilung plus ein Restock-Programm (garantierte 20 Prozent Nachschub-Reserve, freigeschaltet über Organized Play); die finalen Mengen wurden bis Ende Mai kommuniziert. Heißt im Klartext: Die deutschen Händler haben ihre Cyberpunk-Mengen im Frühjahr festgezurrt, Monate bevor irgendjemand wissen konnte, welche Preise der September-Sekundärmarkt aufruft. Wer zu vorsichtig geordert hat, kann nicht mehr nachlegen; die Restock-Reserve stammt aus dem bestehenden Print Run, nicht aus einem Nachdruck.

Interessant ist die Bedingung, an der die Restock-Garantie hängt: Sie schaltet sich über Organized Play frei. WeirdCo koppelt den Nachschub also an die Bereitschaft der Läden, das Spiel aktiv zu bespielen. Wer nur Ware in die Regale stellt, hat schlechtere Karten als der Laden, der Beta-Events im September und Turniere ab November fährt. Das ist klug gebaut: Es belohnt genau die Händler, die eine lokale Szene aufbauen, und macht den Nachschub zum Verbündeten des Spiels statt zum reinen Abverkaufsposten. Für deutsche Läden heißt das konkret: Die Beta-Events vom 10. bis 17. September sind nicht nur Marketing, sie sind die Eintrittskarte in die Nachschub-Logik.

EU-Fulfillment: Kein Zoll-Drama, aber auch kein Retail

Für Backer ist die Logistik entspannt: EU-Bestellungen werden laut FAQ lokal aus regionalen Hubs erfüllt, die Mehrwertsteuer wurde im Pledge Manager eingezogen, Zollgebühren entfallen. Wer in Deutschland oder Österreich wohnt, bekommt sein Wave-1-Paket ab Anfang September ohne Überraschungen an der Haustür. Eine Fußnote für Schweizer Backer: Die FAQ garantiert die zollfreie lokale Erfüllung ausdrücklich nur für EU und UK, für „andere Regionen“ heißt es „Duties may apply“. Wer in Zürich oder Bern wohnt, prüft besser den eigenen Pledge-Manager-Status, bevor der Postbote mit einer Nachforderung klingelt.

Aber Backer sind auf Cardmarket ohnehin nicht die Käuferseite, sie haben die Ware. Kaufen werden im September die anderen: europäische Spieler und Sammler ohne Pledge, die nicht bis November warten wollen. Für die ist Cardmarket in diesen zwei Monaten die einzige Bezugsquelle, kein Händler hat Ware, Luminous liefert erst Mitte Oktober. Wer im September spielen will, zahlt September-Preise.

Cardmarket: Der EUR-Preisführer aus Berlin

Sammelkartenmarkt GmbH & Co. KG, Nordkapstraße, Berlin. EUR-Preise, EU-Versandnetzwerk, Pro-Seller-Struktur, Preisguide. Wenn Cardmarket im September die Cyberpunk-Katalogseiten öffnet, entsteht hier der europäische Referenzpreis, nicht bei Luminous und nicht in den Shops. Das ist schlicht Marktmechanik: Cardmarket hat die Liquidität, die Käuferbasis und die Preishistorie von vier TCG-Neuaufnahmen in drei Jahren. Im März haben wir noch darüber geschrieben, dass diesem 13-Millionen-Dollar-Kickstarter jeder Marktplatz fehlt. Ein halbes Jahr später liefert ausgerechnet Europas größter das fehlende Stück.

Man sollte dabei auch verstehen, was Cardmarket selbst in diesen Deal investiert und warum. Vier dedizierte Social-Kanäle für ein einzelnes Spiel, zwei exklusive Publisher-Spoiler, ein angeteasertes Giveaway: Eigene Spiel-Kanäle hatte Cardmarket zwar schon bei One Piece, aber das Gesamtpaket aus Publisher-Exklusiv-Spoilern, frisch aufgebauten Kanälen und Giveaway zum Announcement-Tag ist neu. Der Grund liegt in der Struktur des Geschäftsmodells: Cardmarket verdient an jeder Transaktion mit, und ein Spiel, dessen kompletter europäischer Handel zwei Monate lang ausschließlich über die eigene Plattform läuft, ist das profitabelste Szenario, das ein Marktplatz haben kann. Kein Wettbewerb durch Ladentheken, kein Preisvergleich mit dem Onlinehandel, jede einzelne Karte wandert über die eigene Gebührenschranke. Cardmarket ist hier nicht neutraler Infrastruktur-Anbieter, sondern Profiteur der Angebotslücke. Völlig legitim, sollte einem beim Lesen der freundlichen „Whoa, Chooms!“-Prosa aber im Hinterkopf bleiben.

Für Händler bedeutet das eine unbequeme Doppelrolle: Ihre Kunden werden ab September Cardmarket-Preise sehen, und zwar für Beta-Ware, die mit den Retail-Displays im Oktober-Regal nur bedingt vergleichbar ist. Erklär dem Kunden am Tresen den Unterschied zwischen einem Beta-Display von einem Wave-1-Backer für hypothetische 200 Euro und deinem Retail-Display für rund 120 Euro. „Sind deine Karten schlechter?“ Nein. Anders exklusiv. Viel Spaß bei dem Gespräch.

Was das für dich bedeutet

Spieler: Geduld zahlt sich aus, fast überall

Wenn du Cyberpunk TCG spielen willst, also Decks bauen, Beta-Events mitnehmen, ab November Turniere, dann ist der September-Markt für dich fast komplett verzichtbar. Die Karten, die das Meta definieren werden, liegen ab dem 6. November in jedem Retail-Display, zu angekündigten MSRPs und mit Händler-Nachschub über das Restock-Programm. Warte, und kauf dann ein Retail-Booster-Display oder eines der beiden Starter-Decks: The Heist mit V, Jackie und Viktor oder Embracing Power mit der Arasaka-Riege (MSRP $29.99, deutsche Preise standen bei Redaktionsschluss noch nicht fest).

Die eine Ausnahme: die zehn mechanisch einzigartigen Karten aus den KS-Startern. Sollte sich eine davon als kompetitiv relevant erweisen, führt an Cardmarket kein Weg vorbei, im Retail gibt es sie nicht. Ob das passiert, weiß heute niemand; die Beta-Events ab dem 10. September liefern die ersten echten Daten. Und die solltest du ohnehin mitnehmen, wenn ein teilnehmender Laden in Reichweite liegt: eine Woche organisiertes Spielen mit echter Ware, zwei Monate vor dem Release, kostet dich nichts außer einem Abend, und du siehst mit eigenen Augen, welche der Beta-Karten am Tisch funktionieren, bevor irgendein Preisguide es dir erzählt. Bis dahin gilt: nichts im September kaufen, was ab November zur UVP im Regal liegt.

Sammler: Willkommen im Dauer-Limitiert-Club

Für Sammler ist die KS-Exklusivität das Feature: Beta-Symbol, exklusive Art-Varianten, zehn produktexklusive Karten, dazu WeirdCos schriftliche Zusage, dieselbe Konfiguration nie nachzudrucken. Das ist härter als alles, was Lorcana oder Star Wars Unlimited je versprochen haben. Die Beta-Auflage ist gedeckelt, für immer.

Aber sortier die Objekte richtig. Die Nova-Rare-Promos (Rebecca, Lucy, David) kommen erst mit der Q4-Welle, und wie knapp sie am Ende wirklich sind, hängt an Tier-Zahlen, die WeirdCo nicht veröffentlicht. Die sicher knappen Güter sind unspektakulärer: die Starter-Exklusiven, die Beta-Art-Varianten, versiegelte Beta-Displays. Und im Hinterkopf bleibt die Supplement-Klausel: Wenn WeirdCo gefragte Einzelkarten später als Promo nachdruckt, in anderer Aufmachung und ohne Beta-Symbol, bleibt deine Beta-Version zwar einzigartig, aber die spielmechanische Exklusivität fällt. Das Risiko ist real und nicht bezifferbar. Kauf, was du als Objekt liebst, nicht, was du als Wertpapier liest.

Spekulanten: Enges Fenster, dünnes Eis

Ja, der September ist das Fenster mit der größten Knappheit, die dieses Spiel je haben wird. Aber rechne nüchtern: Das Volumen ist winzig, die Liquidität gering, die Spreads werden breit sein, und es gibt keinerlei Preishistorie für dieses Set. Der Retail-Release im November flutet den Markt mit spielbaren Karten und drückt alles, was nicht KS-exklusiv ist. Was KS-exklusiv ist, bleibt knapp; ob aber die Nachfrage nach einem Spiel, dessen Turnier-Szene erst im November startet, die September-Preise trägt, weiß kein Mensch. Ich würde mein Mietgeld nicht drauf setzen. Wer trotzdem spielt, spielt mit Kapital, das er liegen lassen kann, und mit einem Zeithorizont in Jahren, nicht Wochen.

Backer: Verkaufen, behalten, abwarten

Wave-1-Backer sind im September die einzigen Anbieter Europas, eine Position, die es so schnell nicht wieder gibt. Wer verkaufen will, verkauft in den Hype hinein: Die frühen Preise dürften die höchsten sein, solange die Welle hält. Praktisch gedacht: Als Privatverkäufer listest du ohne Pro-Status und konkurrierst mit Profis, die früher Zugang zum Katalog hatten und deine Preise sehen, bevor die Masse sie sieht. Eine Preisempfehlung kann dir für diese Ware niemand geben, es gibt schlicht keine. Was es gibt, ist ein simpler Realitätscheck: Was zahlt der ungeduldigste Käufer Europas für ein Produkt, das er sonst nirgends bekommt? Das ist dein September-Preis. Und es ist ein One-Way-Ticket, nachkaufen zur UVP geht bei Beta-Ware nie wieder. Wave-2-Backer haben die Wahl nicht: Ihre Sendung (inklusive Zubehör, Beta Box und der Lucy-Promo, die auch bei hohen Stufen in Welle zwei liegt) kommt, wenn Retail schon da oder nah ist. Ihr Verkaufsfenster ist enger, ihr Beta-Symbol bleibt trotzdem exklusiv. Und die dritte Option gilt für alle: behalten, spielen, abwarten. Set 2 kommt frühestens Q1 2027, die Spielerbasis wächst erst ab November. Knappheit wird mit der Zeit mehr wert, wenn das Spiel lebt. Das ist der eigentliche Wetteinsatz.

Was jetzt kommt: die Watchlist

Von hier an liefert jede Woche neue Daten. Darauf achte ich in den nächsten Wochen:

Das konkrete Seller-Early-Access-Datum. „A few days before“ sagt Cardmarket, „in diesem Monat“ die deutsche Meldung. Sobald die ersten Pro-Listings auftauchen, und sei es für Gunpoint Diplomacy, haben wir die ersten echten Preissignale statt Spekulation.

Die 15.-Oktober-Frage. Mehrere Händler nennen den 15. Oktober als Liefertermin für Vorbesteller, WeirdCo den 6. November als vollen Retail-Release mit Prerelease am 30. Oktober. Ob Vorbesteller ihre Displays wirklich drei Wochen vor dem Street Date in den Händen halten, entscheidet darüber, wann die Retail-Preise anfangen, auf die Cardmarket-Preise zu drücken.

Die Rarity der Spoilerkarten. Solange die Set-Dokumentation fehlt, lösen weder Kartenbilder noch Texte die Seltenheitsstufe von Gunpoint Diplomacy und Trauma Team Operatives auf. Sobald sie steht, wissen wir, ob Cardmarket Chase-Material oder Brot-und-Butter gespoilert bekam, ein kleines Signal dafür, wie WeirdCo den Marktplatz einordnet.

Die Turnier-Frage zu den Starter-Exklusiven. Zehn Karten, die nur in den KS-Startern existieren und trotzdem spielbar sind: Wie geht Organized Play ab November damit um? Sind sie im Retail-Meta uneingeschränkt legal, entsteht genau die Nachfrage-Konzentration, die diesen Artikel durchzieht. Eine offizielle Format-Klärung steht aus.

Die Supplement-Klausel. WeirdCos Reprint-Weg über „Supplement-Produkte und Promos“ ist das eine Instrument, das die KS-Exklusivität theoretisch aufweichen könnte. Jede Ankündigung eines Supplement-Produkts verdient ab jetzt eine genaue Lektüre der Kartenliste.

Community-Reaktionen. In unserer Suche am Abend des Announcements war praktisch nichts zu finden: keine Reddit-Threads, kaum Resonanz auf den frisch angelegten Social-Kanälen. Als Bewertung taugt eine Redaktionsbeobachtung nach wenigen Stunden nicht, als Zeitstempel schon: Die Meinungsbildung beginnt gerade erst. In zwei Wochen wissen wir, ob Backer massenhaft listen oder horten.

Die Pull-Rate-Dokumentation. WeirdCo hat im AMA ein Update zu Set-Größe und Pull-Rates angekündigt. Sobald das für die Beta- und Retail-Konfiguration vorliegt, lässt sich erstmals seriös beziffern, wie selten die Chase-Slots wirklich sind, und damit die Grundlage jeder Preisdiskussion, die diesen Namen verdient.

Die US-Lücke. Cardmarket ist Europas Antwort, für die USA ist kein vergleichbarer offizieller Marktplatz-Partner angekündigt. WeirdCo rahmt den Deal selbst ausdrücklich als Europa-Nachricht („what that means for players in Europe“). Die US-Preisfindung läuft damit über eBay, TCGplayer und Discord-Deals, fragmentierter, schneller, ohne zentralen Preisguide. Das hat Folgen in beide Richtungen: Wenn drüben die Beta-Preise davonlaufen, wird der EU-Markt zur Arbitrage-Quelle (US-Käufer zahlen Versand und Einfuhr, wenn die Differenz groß genug ist); brechen sie ein, drückt das auch hier die Zahlungsbereitschaft. Für EU-Beobachter heißt das: Wer die Cardmarket-Preise verstehen will, braucht die eBay-Sold-Listings als zweites Fenster. Ich werde beide tracken.

Drei Szenarien für den Herbst

Wie geht das aus? Niemand weiß es, und wer heute Preisprognosen mit Nachkommastellen verkauft, verkauft Kaffeesatz. Die plausiblen Verläufe kann man aber durchspielen; nehmt das Folgende als das, was es ist: meine Lesart, keine Datenlage.

Szenario eins, der geordnete Markt: Genug Wave-1-Backer listen früh, die Profis kaufen auf und sorgen für Preiswettbewerb, und bis Oktober pendeln sich Beta-Displays und Starter auf einem Niveau ein, das spürbar über der künftigen UVP liegt, aber nicht absurd. Die Retail-Flut ab November zieht eine klare Linie zwischen Spieler-Ware und Sammler-Ware. So lief es ungefähr bei Riftbound, allerdings mit sechs Wochen Vorlauf, den Cyberpunk nicht hat.

Szenario zwei, die Lorcana-Wiederholung: Das Angebot bleibt dünner als die Nachfrage der Nachzügler, die ersten Listings setzen Ankerpreise weit oben, und jede verkaufte Position bestätigt den nächsten Verkäufer in seiner Preisvorstellung. Die Beta-Ware entkoppelt sich komplett von jeder UVP-Logik, und im November stehen Retail-Displays für 120 Euro neben Beta-Displays, deren Preis eine andere Sprache spricht. Angesichts der Nicht-Nachdruck-Doktrin ist das mein Basis-Szenario, mit dem Unterschied zu Lorcana, dass keine Nachdrucke kommen, die die Kurve je wieder abflachen.

Szenario drei, der stille Start: Die Backer horten, die Listings bleiben aus, der Katalog dümpelt mit Einzelstücken zu Fantasiepreisen, die niemand zahlt. Kein Markt, nur Schaufenster. Das wäre das schlechteste Ergebnis für alle, auch für Cardmarket, dessen Investition in Kanäle und Spoiler auf Handelsvolumen wettet. Gegen dieses Szenario spricht die schiere Zahl von 50.000 Backern; irgendjemand braucht immer Geld.

Welches Szenario es wird, entscheidet sich in den ersten zwei, drei Wochen nach Katalogöffnung. Deshalb ist die Watchlist oben keine Fleißaufgabe, sondern das eigentliche Arbeitsprogramm.


Ich schreibe das am Abend des 12. August, das Announcement ist ein paar Stunden alt. Niemand kennt heute den Preis eines Beta-Displays, einer Starter-Exklusiven, einer einzigen Cyberpunk-Karte. Anfang September wird es diese Preise geben, gebildet von ein paar tausend Backern und einer Handvoll Profis, in einem Markt ohne Referenz, ohne Historie, ohne Nachschub. So transparent wie in diesen ersten Wochen wird die Preisentstehung eines TCGs selten. Genau deshalb schaue ich hin.

Ich bleibe dran. Wenn die ersten Listings stehen, lest ihr es hier.

Quellen

>_ JACK INTO THE FEED

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Kenearos
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Kenearos

Said Benadjemia – online als „Kenearos". Cyberpunk-Fan seit dem ersten Trailer 2012, Night-City-Legend-Backer der Cyberpunk-TCG-Kickstarter-Kampagne 2026. Schreibt hier auf Deutsch alles rund ums Cyberpunk Trading Card Game von WeirdCo und CD Projekt Red – Kickstarter-News, Deep Dives zu Mechanik und Lore, Charakterguides, Strategieartikel.

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